Der American Way of Life

So schrecklich auch die Anschläge vom 11. September 2001 waren, so unglaublich waren auch die propagandamäßigen Zustände in der Unterhaltungsmaschinerie der USA gleich danach. Und beim Irakkrieg zeigte sich schließlich, wie gut informiert ein Volk in einer solchen Medienlandschaft ist…

Rückblickend ist es geradezu bestürzend, welch Vorstellungen ich von den zukünftigen Entwicklungen hatte. Sehen wir es einfach als Zeitdokument an…

Der American Way of Life

Amerika wurde schwer getroffen, die Wirtschaft und der unumstößliche Glaube an die Sicherheit zeigten ihre Verwundbarkeit – und in der Unterhaltungsindustrie wird sich einiges tun.

Film und Fernsehen

Hollywood ist nicht beschädigt, das muss gesagt werden. Die wichtigsten Filmstudios der westlichen Welt sind glücklicherweise an der Westküste der USA, fernab von New Yorks Hochhäusern, weit weg von der Wirklichkeit des Action-Films, der einmal in den Studios Realität war. Früher einmal.

Früher sorgte „Independence Day“ mit einem zerstörten Weißen Haus für Rekord-Einnahmen, nun wurde der Streifen von NBC abgesetzt. Auch in Europa handelte man: Das Schweizer Fernsehen zeigte nicht „Mars Attacks“, VOX verzichtete auf „Erdbeben in New York“, ProSieben sendete nicht wie geplant „Godzilla“. Zynischerweise hat Hollywood jahrzehntelang Action-Filme, einer bombastischer als der andere, produziert, und jetzt ist alles real und keiner will’s mehr sehen. Eben noch die pompöse „Pearl Harbor“-Premiere auf einem Flugzeug-Träger, nun wurde der Kino-Start des Disney-Films „Big Trouble“, bei dem eine Bombe in ein Flugzeug geschmuggelt wird, herausgeschoben. Auch der Schwarzenegger-Thriller „Collateral Damage“ wird erst einmal nicht gezeigt, schließlich sterben dort Leute beim Beschuss einer US-Botschaft. „The Time Machine“ wird auch ausgesetzt: Dort prasselt Mond-Geröll auf Manhattan ein. Auch die aufwändige „Spiderman“-Verfilmung hat ein Problem: in einer in Werbe-Trailern gezeigten Szene ist ein Spinnennetz gespannt – zwischen den Türmen des World Trade Centers… Ebenso wird „People I know“ vorerst nicht gezeigt, denn hier sind die Zwillingstürme in einem Drogen-Rausch liegend zu sehen. Für „Man In Black 2“ ist eine Nachbearbeitung unumgänglich, da die Endsequenz auf den Türmen stattfindet. Jackie Chan’s „Nosebleed“ muss sogar völlig umgeschrieben werden – er sollte einen Fensterputzer der Gebäude spielen.

Man muss sich wohl damit abfinden, dass sie nicht mehr stehen. Die New Yorker kauften alle noch erhältlichen Postkarten mit der Skyline, mit der vollständigen natürlich. Kurz vor dem 11. September war das noch eine Werbekampagne von Yahoo: Auf einer Ansicht von Manhattan fehlten die Twin Towers, damals noch mithilfe des Computers entfernt.

Inzwischen sind die deutschen Sender wieder zu ihren ursprünglichen Programm-Planungen zurückgekehrt, doch in den USA haben die Sender die Propaganda-Maschine angeworfen. Nicht nur CNN überschrieb gleich den unteren Bildschirm mit täglich wechselnden „War against/ for/ of…“, auch in den übrigen Sendern wird wie bei Fox News die Flagge hochgehalten. Von der unermüdlichen Suche nach Überlebenden wird berichtet und Bushs Reden werden als die bewegendsten in der ganzen US-Geschichte bezeichnet. Wo die Suche eigentlich hoffnungslos und Bush seiner Muttersprache nicht so ganz mächtig ist.

Zur Zeit ändert sich eben eine Menge in den Staaten, so wird wohl auch Hollywood von Action Abstand nehmen. Vielleicht gibt es eine ähnliche Reaktion wie im Deutschland der Nachkriegszeit, das fast nur noch Verwechslungskomödien und Heimatfilme produzierte. Ja, sehen auch Sie bald „Das enzianblaue Veilchen des Colorado“ mit Stallone und Schwarzenegger.

Musik

Eine Woche nach dem Anschlag sah die Welt zwei Entwicklungen in den USA: einerseits traf sich die amerikanische Schauspiel- und Popmusik-Elite zu einem Benefiz-Konzert, andererseits wurde eine Liste veröffentlicht, in der die US-Hörfunk-Vereinigung (CCU) gebannte Musik-Titel auflistet. Sie bestritt daraufhin, je solch eine Liste herausgegeben zu haben, doch gibt es auf jeden Fall Titel, die nicht gespielt werden.

Verständlicherweise sind Endzeittitel nicht zu hören, wer würde sich jetzt auch wirklich an „Highway to Hell“, „Knockin’ On Heaven’s Door“ „Suicide Solution“, „It’s the End of the World as We Know It“, „Stairway to Heaven“ und „Eve of Destruction“ erfreuen?

Bei manchen Titeln fragt man aber schon nach dem Sinn des Verbots: Wieso „Ob-La-Di, Ob-La-Da“? Weil der Text völlig sinnlos ist? Weshalb „That’ll Be the Day“? Rock’n’Roll als Feind der Gesellschaft? Und „Jet Airliner“, „Jump“, „Love is a Battlefield“, „Crash Into Me“, „Falling for the First Time”, “Burnin’ For You”, “Leavin’ on a Jet Plane”, “Fly Away”, “In the Air Tonight”, “Sabotage” und alle anderen Titel mit fliegen, Flugzeug, springen und brennen im Titel sind schon mehr als Paranoia. Das kann nicht ernst gemeint sein („Ironic“ ist auch gebannt). Deutsche Sender sind da aber nicht besser: „Flugzeuge im Bauch“ wird nicht gesendet. Ebenso sinnig das Verbot von „Ruby Tuesday“ in den Staaten: Weil es am Dienstag passierte!

Auch wenn Verbote dieser Songs kurios sind, gibt es ernstliche Tendenzen in der Liste: Alle wichtigen Protestsongs der Vietnam-Zeit sind enthalten, „Imagine“, „In the Year 2525“, “War”, „Hey Joe“, „99 Luftballons“ und andere, die die amerikanische Öffentlichkeit aufrütteln könnten. Aber da nun sämtliche Rage Against The Machine Songs, von sich aus staatskritisch, gebannt wurden, ist klar, dass man den Frieden nicht erhofft. Man erhofft den Krieg und da passen Friedenslieder nicht hinein („Wonderful World“ ist natürlich auch gebannt).

Die Situation ist ähnlich wie am Ende der 60er: Einerseits Protest-Songs, andererseits Bubble-Gum-Musik. Und die hatte ihren Namen nicht von ungefähr, mit belanglosen Titeln wie „Yummy, yummy, yummy“, „Sugar, Sugar“ oder „Simple Simon Says“ drückten One Hit Wonders konsequent das Niveau der Hitparaden. Wir müssen uns auf was gefasst machen.

Kommentar verfassen