The Bright Side of Life

Beim Besuch der Körperwelten-Ausstellung hatten es mir vor allem die oft geradezu (unfreiwillig?) perversen Beschriftungen und Hinweise angetan. Es war dann aber auch recht aufwendig, den Artikel möglichst sachlich zu halten und meine Meinung durch die zitierten Texte darzustellen. Leider kam der Artikel nicht in eine Schülerzeitung, da bis zum Januar keine mehr erscheinen sollte und dann war die Ausstellung längst weitergezogen…

The Bright Side of Life

Die Ausstellung von Prof. Gunther von Hagen, „Körperwelten“, sorgt seit ihrer Eröffnung für kontroverse Diskussionen. Ist es ein ambitioniertes Werk eines Aufklärers und Künstlers oder ein sadistisches Machwerk eines Geisteskranken? – „Wir möchten allen Spendern danken, den lebenden wie den toten, ohne die diese Ausstellung nicht möglich gewesen wäre“

Auf alle Fälle bezeugt diese Ausstellung eindrucksvoll, dass sie tatsächlich möglich sind, die 15 Minuten Ruhm im Leben eines jeden Menschen. Sicherlich hatte sich Andy Warhol etwas Anderes dabei gedacht, doch es funktioniert hier perfekt. Menschen ohne jegliche besondere Fähigkeit außer tot herumzustehen ziehen den Augenmerk der Besucher und der überzeugten Nicht-Besucher auf sich. Aus welchen Gründen sie es auch immer taten, umsonst sind sie jedenfalls nicht gestorben. – „Die Motivationen der Spender sind so unterschiedlich wie das Leben selbst“

Nur gibt es dabei ein Problem: von Hagen versucht den wahren Zustand seiner Ausstellungsstücke zu verbergen und bezeichnet sie dreist als Plastinate. Damit versucht er anscheinend ein ähnliches Publikum wie Madame Tussaud zu erreichen, aber wie viele würden wohl kommen, wenn er sie Leichen nennt? – „Die belassene Haut wurde durch eine Farbe verfremdet, … um beim Betrachter möglichen Ekel zu vermeiden“

Stattdessen setzt er auf das medizinische Interesse seiner Besucher und gibt neben die horizontal, vertikal, explosionsartig und auf andere Arten expandierten Leichen, neben die fotogenen schachspielenden, fechtenden und reitenden Leichen und neben die quer, längs, schichtweise und kästchenweise zerschnittenen Leichen noch einzelne Organe in verschiedenen Krankheitsstadien hinzu. Selbstverständlich jedes Mal mit explizierter Beschreibung. Damit man etwas lernen kann. – „Denn das Ergebnis der Plastination soll Verstand und Gefühl gleichermaßen ansprechen, also Wissen vermitteln und das Bewusstsein für die Natur in uns wecken“

So lernt man das wohl leerste Bistro Berlins kennen, dessen Eingang zwischen den ausgestellten Körpern kaum zu finden ist. Hier kann man sich wunderbar von den weißen Gesichtern draußen erholen und sich bei vegetarischer Kost das Gesehene nochmals durch den Kopf gehen lassen. Man kann nochmals über diese originellen Liebes-Postkarten nachdenken. Die mit einem echten Herzen drauf. Oder über diese kleidsamen „Körperwelten“-T-Shirts. Wären die nicht ein tolles Geburtstagsgeschenk? Oder wie wäre es mit einem Plakat? – „Prospekte zum Weitergeben für Nachbarn, Freunde, Bekannte und Verwandte“

An „Körperwelten“ gibt es allein schon wegen dieses reichhaltigen Merchandise-Angebotes nichts auszusetzen, und trotz des eigentlich benötigten Medizin-Abschlusses ist die Ausstellung unbedingt empfehlenswert – vielleicht trifft man sogar alte Bekannte. – „Das kurzzeitige Verlassen des Ausstellungsbereiches ist aus organisatorischen Gründen nicht möglich. Vielen Dank“

Anm.: Alle Zitate stammen von Beschriftungen in der Ausstellung bzw. aus dem dort erhältlichen Prospekt und wurden nicht verändert.

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