Die einfache Erklärung

Eine Sache, die ich einfach einmal klarstellen musste. Zuviele Vermutungen können nämlich dazu führen, dass man sich selbst nicht mehr ganz sicher ist, obwohl man es ja am besten weiß. Darum: Der einzige Artikel in der Schülerzeitung, den ich mit meinem Namen und nicht meinem Kürzel unterschrieb.

Wie auch immer: Eine Lehrerin — die Drogenbeauftragte der Schule — erkundigte sich daraufhin recht erschrocken nach meinen Zustand, was insofern witzig war, da ich den Artikel eigentlich schon Monate zuvor geschrieben und damit die Sache hinter mir hatte. Und ein Schüler gratulierte mir zu meinem Mut. Interessanterweise war es derjenige, der im Text als “Dorftrottel”-Rufer auftritt. Was er möglicherweise nicht einmal bemerkt hatte – tja, die Drogen… ;)

Die einfache Erklärung

Es ist wahrscheinlich sehr einfach für eine Klassenlehrerin der siebten Klasse: Dieser Schüler, der immer alleine ist, die anderen anscheinend meidet und sowieso etwas, nunja, seltsam ist – der muss einfach drogenabhängig sein. Anstatt sich mit dieser Person auseinander zu setzen ist es auch einfacher, es gleich den Eltern mitzuteilen. Schließlich ist es die einzig einfache Erklärung.

Doch höchstwahrscheinlich ist dies die einzig falsche Erklärung. Aber es ist ihr natürlich entgangen, dass er alleine von seiner Schule kam, nicht wie die anderen mit jemandem zusammen, die somit nie alleine waren. Vielleicht war es ihr nicht so wichtig, dass er von einer Dorfschule kam, und Marzahn ja irgendwie extrem aufgeschlossen ist. Abgesehen natürlich von denen, die ihm nach einem Jahr immer noch „Dorftrottel“ hinterher riefen. Und es ist nur logisch dass ein Einser-Latein-Schüler drogenabhängig ist. Es ist eine einfache Erklärung für alles.

Er sollte erst fünf Jahre später von dieser „Erklärung“ erfahren.

Von dieser Erklärung.

In der zehnten Klasse überraschte ihn eine Schülerin, als sie ihn heimlich fragte, ob er Drogen nimmt. Es ist schließlich die einfache Erklärung für seine eigenwillige Frisur, seine ziemlich bunte Bekleidung und sein oft nur wirres Verhalten.

Aber nehmen wir einmal an – nur für einen kurzen Augenblick – dass er sich damit in einer von Coolness und einheitlicher Kleidung geprägten Welt abgrenzen wollte, im Gegensatz zu Anderen einzigartig sein wollte? Wahrscheinlich kein überzeugendes Argument gegen Drogenabhängigkeit (die seitdem noch fünf weitere Schüler öffentlich vermuteten) und überhaupt keine einfache Erklärung, sondern nur so ein Gedanke…

Aber ist es nicht bemerkenswert, dass inzwischen anscheinend fast jeder Schüler Drogen zu sich nimmt, um künstlich fröhlich zu sein und er, dem selbst Kaffee zu aufputschend ist, wegen Dauer-Happiness zum Freak erklärt wird? Er versucht ja schon gar nicht mehr, ernsthaft zu sein, weil ihn sowieso keiner ernst nimmt.

Was bleibt ihm da noch übrig? Vielleicht ist es am besten, die ganzen Vermutungen zu überhören, weil sie sowieso falsch sind. Oder, noch besser, sich anzupassen. Dann hättet ihr schließlich keine Gründe für die Vermutungen.

Das ist zumindest die einfache Erklärung.

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