Nummer 44 und der Schulball

Nachdem meine vorhergehenden Texte konsequent an Kreativität verloren hatten, stellte dies einen Wendepunkt dar. Auch wenn es nicht so aussieht: Es ging wieder bergauf, was um so beachtlicher ist, wenn man bedenkt, dass einige Dinge erst geschehen sind, nachdem ich diesen Artikel geschrieben hatte…

Nummer 44 und der Schulball

Ein Tatsachenbericht vom 25. Januar

14:00 Uhr: Zurück von der Schule, jetzt erst einmal die Haare schneiden lassen. Merke: Wenn schon zum Ball, dann wenigstens ohne Fusselmähne. Das gilt jedenfalls für den Gentleman von Welt, die Lady von Welt hat da natürlich viel mehr Möglichkeiten…

15:00 Uhr: Jetzt ist noch ein wenig Zeit für die letzte Entspannung, praktisch das Luftholen vor dem Tauchgang, die Ruhe vor dem Sturm, das Einwickeln in den Kokon, bevor ich

16:00 Uhr zur Verwandlung schreite. Zu Anfang das Reinwaschen in einem Hauch von exotischen Gerüchen, danach das ritualisierte Rasieren als Symbol für das Ablegen alter Gewohnheiten und für den geöffneten Weg für eine neue Persönlichkeit. Irgendwie so jedenfalls…

17:00 Uhr: Nun beginne ich wirklich mein Äußeres zu formen. Mit dem immer noch frisch duftenden Kokos-Fett, das seit dem 1. Schulball benutzt wird, gebe man den Haaren Halt. Damit verbunden die schwerste Entscheidung dieses Abends – die Haare völlig nach hinten streichen oder doch lieber der klassische strenge Seitenscheitel? Nach einigem Herumspielen mit den fettigen Strähnen dann die Entscheidung zum Scheitel.

17:45 Uhr: Die ungestellte Frage der letzten Wochen steht vor ihrer Entscheidung: Werden die Kontaktlinsen, die dem Träger schon vor einem Jahr stechend blaue und damit höchst verführerische Augen schenkten, immer noch gute Dienste leisten? Wieder einmal gab es die berüchtigten vor-den-Augapfel-schieben-Probleme, aber letztendlich kann festgestellt werden: Kontaktlinsen können wahrscheinlich auf zwei Schulbällen getragen werden. Freuen Sie sich schon auf das nächste Mal!

19:00 Uhr: Nach einigen Proben für das überlegene Lächeln kommt die Kleidung. Die Entscheidung für den schwarzen Anzug mit Fliege ist relativ leicht gefallen, da es schließlich der einzige Anzug ist, den ich habe. Allerdings habe ich anscheinend im letzten Jahr etwas abgenommen. Verwirrt halte ich den Hosenbund fest und kann einfach nicht glauben, dass ich so fett gewesen sein soll.

19:45 Uhr: Ankunft im SEZ. Meine Garderobe gebe ich ab, dafür bekomme ich ein rotes Plastikkärtchen mit einer aufgedruckten 44. Der Einlass hat offiziell vor einer dreiviertel Stunde begonnen, Beginn ist offiziell in einer viertel Stunde. Dafür, dass alle Karten verkauft worden sind, ist es noch ziemlich leer. Dafür sind Hr. S. (ohne Krawatte) und Hr. T. (später mit Frau) da, um mich zu bewundern. Wunderbar!

20:00–1:45 Uhr: Der Schulball beginnt! Das gesellschaftliche Ereignis der Schule in diesem Jahr! Ein Anlass, zu dem Lehrer und Schüler irgendwie ähnlich gekleidet sind und die Lehrer auch mal über ihre Schüler staunen! Wo man Absolventen der letzten Jahre wieder sieht, die man irgendwie größer in Erinnerung hatte! Ja, das ist es: Das schulische Ereignis mit dem höchsten Altersdurchschnitt…

Höchst ballmäßig beginnt es auch dieses Jahr: Ein Standard-Tanz- und ein Lateinamerikanisches-Tanz-Paar zeigen, wie ein Tanzabend aussehen sollte. Irgendwie erinnere ich mich daran, dass ich im Rahmen unserer Tanz-AG später auch auf die Fläche muss. Unruhiger Blick durch den Raum: Noch sind nicht alle unsere Paare anwesend. Puh! Vielleicht bleibt noch genug Zeit, um diese völlig unbeweglichen Lackleder-Schuhe einzulaufen. Sonst könnte ich genauso gut mit Schwimmflossen Walzer tanzen…

Dann eröffnet endlich das Büfett. Verdammt, ich kann mich nicht entscheiden: Soljanka oder Süßspeise? Dann doch lieber den Nudelsalat. Schmeckt ja auch lecker…

Inzwischen sind alle einlassberechtigten Teilnehmer der Tanz-AG eingetroffen und immer noch ist nicht klar, wann und wie wir versuchen werden, unser Können zu präsentieren. Und dummerweise ist meine Tanzpartnerin kurz davor, sich auf der Toilette einzuschließen. Jaja, das Lampenfieber. Um meine Unruhe abzubauen, esse ich eine Schokoladen-Zigarette.
Im Laufe der Zeit geht das Ball-Gefühl immer mehr verloren und weicht einem normalen Disko-Gefühl. Und das in diesem steifen Anzug! Und was noch viel schrecklicher ist: Ich werde es nie schaffen, 20 Teller voller Köstlichkeiten vom Büfett zu essen, wie ich eigentlich vorhatte. Woran liegt es bloß? Die proportional zur Besucherzahl steigende Raumtemperatur? Die wabernden Zigarettenrauch-Felder? Die 1 € 30 für einen Becher Wasser? Oder doch die Aufregung, weil ich mit dem Beginn der Standard- und Lateinamerika-Musik meine Tanzpartnerin nicht finden kann? Sie kann nur von Glück sagen, dass ich ihren Namen hier nicht nenne.

Dafür kann ich die aufopfernd arbeitenden Schüler in der Garderobe nur loben. Okay, zwischendurch wurden einige Nummern und Mäntel vertauscht, aber insgesamt wussten sie schon die Unmengen an Kleidungsstücken gut zu managen. Außerdem wurde mir schon bei meinem Erscheinen, das durch meine journalistische Tätigkeit unverhältnismäßig oft war, meine Jacke (Nummer 44) gebracht. Wirklich vorbildlich!

Nun, was gibt es sonst noch Erwähnenswertes vom Schulball 2002? Unseren Tanz, den ich völlig versaut habe, lasse ich lieber im Dunkeln verschwinden (glücklicherweise war es dabei aber wirklich dunkel und es waren noch etwa ein, zwei hundert Paare auf der Tanzfläche) und möchte stattdessen an den grandiosen Auftritt der ehemaligen Schulband „Madame George“ erinnern. An diese kraftvolle und leidenschaftliche Aufführung kam der DJ, der es wagte, einige Titel in einer Remix-Fassung ein zweites Mal zu spielen, bei weitem nicht heran.

Kurz vor zwei, als es ein wenig heller im Veranstaltungsraum des SEZ geworden war (die Herren hatten sich nach und nach ihrer schwarzen Jacken entledigt) machte ich mich auf den Heimweg und spürte dort noch lange meine Füße. Diese verdammten ungewohnten Lackschuhe…

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