Deutsche Bundeswehr — powered by emotions

In der Zeit, als mich die Bundeswehr ständig um irgendwelche Musterungen bettelte und ich mir langsam Gedanken um eine Verweigerung machen musste, war dies ein Weg, die ganze Idiotie dieser Institution aufzuzeigen. Tatsächlich waren ja das Anschreiben und die diversen Infomaterialen schon so unfreiwillig komisch, dass da schon Absicht dahinter stecken musste. Jedenfalls ist das meine persönliche Theorie…

Relativ früh plante ich einen Zweiteiler: Der erste Teil sollte die Situation vor der Musterung beschreiben, dies ist dieser Artikel. Der zweite Text war dann der Rückblick auf die Musterung: “das KWEA”. Beides übrigens nach der Musterung geschrieben.

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Alte Taktiken einer veralteten Institution

Wahrscheinlich freut sich jeder Mensch, wenn er Post bekommt. Ja, wie hatte ich mich gefreut, als sogar ein relativ dickes Brieflein in meinem Briefkästchen lag! Jippie! Und es war sogar von Vater. Vater Staat hat mir geschrieben, weil er mich braucht. Darum diese Post von dem Reichswehrersatzamt.

Nun überrascht es aber doch ein wenig, dass er mich auf ein kleines Schwätzchen gleich nach Frankfurt (Oder) einlädt. Berlin wäre doch auch ganz nett. So ist es eben, wenn genau an der Staats-, äh, Stadtgrenze die Grenze gezogen wird. Dabei fühle ich mich doch ideologisch verbunden mit den Berliner Kreisamts-Herren – Rasen könnte ich wegen dem langen Weg! Dann geht’s also schön an die Ostgrenze zur Musterung. Musterung, Musterung… Klingt reichlich förmlich (Hoho, super Wortspiel: Form = Muster), oder? Natürlich wird man nicht nur einer ausgiebigen Musterung unterzogen (wobei mir der Begriff „Brautschau“ weitaus mehr zusagen würde), sondern auch der EUF, kurz Eignungsuntersuchung und Eignungsfeststellung. Echt der Hit! Werrrte Leserrr, ich zitierrre wörrrtlich: „Diese Untersuchung hat den Zweck, mit Hilfe psychologischer Tests herauszufinden, für welche militärischen Verwendungen Sie sich am besten eignen.“

Bitte!? Ich fühle mich, auch wenn dies recht subjektiv ist, nicht als ein Objekt. Ich möchte nicht militärisch verwendet werden. Ja, manchmal fühle ich mich wie eine Bombe und möchte einfach explodieren. Interessante und wohl auch überraschende Taktik, aber dann wäre ich in Israel wohl besser aufgehoben. Oder welche Verwendungen gibt es noch? Ersatz sein für einen Rammbock? Diese Tierschutzbewegungen erleichtern einem nicht unbedingt das Leben. Aber vielleicht komme ich gar nicht in den offensiven Bereich, sondern nur in den Transportbereich. Flugzeugträger? Wahrscheinlich, unsere Volksarmee muss schließlich auch sparen.

Außerdem werde ich gebeten, kurze Sport-/Badehose und Badesandalen mitzubringen. Also, es beunruhigt mich schon, dass das Wort “kurze” extra betont wird.

Weiterhin werde ich auf die beigefügten Informationsschriften verwiesen, „die Sie wegen der Bedeutung der dort getroffenen Aussagen lesen und aufbewahren sollten.“ Bedeutende Aussagen? Formulieren wir es einmal so: Der Herr Propagandaminister hat wieder ganze Arbeit geleistet. Nehmen wir nur einmal die hochwertig farbig bedruckte 64-seitige Broschüre „Ja ich bin dabei.“ (Anmerkung 1: Bei Überschriften steht normalerweise kein Punkt am Ende. Es sei denn, man möchte ganz bewusst einen Schlusspunkt setzen… ) (Anmerkung 2: Statt dieser 60 Jahre alten Parole, wäre ein moderner Spruch doch mal ganz nett. Vorschlag: „Ich bin on“ Da hat wohl jemand eher zugeschlagen, wie? Aber über solch primitive Kampftechniken seid Ihr ja längst hinweg… )

Schon im Vorwort lernt man eine Menge: „Doch was geschieht morgen? Niemand kann es vorhersagen.“ Endlich begreife auch ich das Wunder der linearen Zeit. „[Die Bundeswehr] ist wirksames Instrument deutscher Außen- und Sicherheitspolitik.“ Wahrscheinlich will man das Gegenüber mit den veralteten Panzern zum Lachen bringen. Und schließlich der Hammer: „Gelebte Demokratie heißt eben nicht nur nehmen, sondern auch geben.“ Ein geradezu philosophischer Satz, den man doch einmal in irgendeinem Unterrichtsfach interpretieren sollte. Doch was soll man außer seiner Stimme, seinen Steuern und seinem Vertrauen noch abgeben? Sein Leben? Dieses Prinzip der „gelebten Demokratie“ (Was ist eigentlich mit Frauen, die sich nicht einziehen lassen?) gibt es auch woanders: „Denken Sie an die gesetzlichen Krankenkassen oder die Arbeitslosenversorgung“ Ich muss sagen: Die Leute haben echt Humor!

Im folgenden Kapitel wird die Frage behandelt: „Warum brauchen wir Soldaten?“ (Untertitel: „Freiheit kann nur in Frieden gedeihen“ Gilt das auch für Büshe?) Wichtige Punkte werden aufgezählt: Schutz Deutschlands vor innerer und äußerer Gefahr, Sicherung des Friedens (Guckt mal, wir haben eine Armee: wir sind ein friedliches Volk), Sicherung des Weltfriedens und Hilfe bei Katastrophen. Allesamt wichtige Aufgaben, doch: Grunddienstleistende nehmen in der Regel nicht daran teil. Das wird nicht erwähnt, ebenso wenig, wozu man diese dann eigentlich braucht.

Viele weitere Themen werden noch angescho… äh… angeschnitten: „Warum Wehrpflicht?“ und es gibt Artikel über die Musterung und den Einstieg und dann noch etwas über die „Berufliche Weiterbildung“ (Untertitel: „Viel Preis für Fleiß“).

Für die verschwindend geringe Gruppe der Kriegsdienstverweigerer ist übrigens ein Eintrag im Glossar vorgesehen. Den Antrag sollte man vor der Einberufung stellen und er sollte einen ausführlichen Lebenslauf und eine äußerst ausführliche Begründung enthalten. Ist auch besser so rum. Wem würde schon viel einfallen, wenn er seinen Kriegsdienst begründen müsste?

Doch das ist nicht alles in der Wunderkiste unserer Bundesabwehr: Verschiedene Zettel liegen bei, die mehr oder weniger dezent auf eine freiwillige Verlängerung des Wehrdienstes hinweisen. Mit möglicher Auslandsverwendung. (Ja, sie verwenden mich im Ausland! Nicht-deutsche Ziele! Jippie!) Und dann ist auch noch eine Wegeskizze enthalten. Glaube ich zumindest, ist ja kaum etwas zu erkennen. Aber warum haben die extra ein paar Kreuze auf den Friedhof gezeichnet? Hätte das Wort „Friedhof“ nicht gereicht? Schließlich liegt das Wehramt woanders…

Der Brief ist unterschrieben mit „der Leiter“. Ziemlich unpersönlich. Führer Dich nicht so auf! Und dann ist noch ein Stempel auf dem Blatt: Bitte bringen Sie ein 2-Euro-Stück für die Nutzung des Umkleideschrankes mit. Kann man die Dinger nicht einfach mit einem Schlüssel sichern? Sie befinden sich schließlich nicht in irgendeiner Schwimmhalle, sondern im hochgesicherten Kreiswehrabsatzamt, Home of the Bundeswehr. Mann, wer denkt sich so was aus?

Wer von dieser Post nicht genug bekommen kann oder bis jetzt nicht zu den glücklichen Gewinnern zählte, kann sich auf www.bundeswehr.de ein Info-Paket zuschicken lassen: Darin erfährt man dann endlich, was „Innere Führung“ bedeutet. In einem 36-Seiten Heftchen wird erklärt, dass Führung in jeder Lebenslage wichtig ist, aber keiner weiß, warum. Das hat irgendwann irgendjemand gesagt und seitdem ist es so. Und es gibt ein Wehr-Fan-Heft, Titelthema: „Unteroffizier aktuell“. Zu sehen sind zwei Grinsebacken, die die Tarnfarben der Saison präsentieren. Auch wer etwas zu „Sachstand und Perspektiven“ wissen möchte, erhält eine Broschüre zu diesem Thema.

Also, werter Leser: Sollten Sie sich irgendwann einmal einsam fühlen, dann denken Sie daran: Irgendwo ist Ihre Personenkennzahl gespeichert und irgendwann Kriegen Sie auch Dich!

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