Parabel-Bahn

Die literarische Verarbeitung einer Angelegenheit, die mich und andere lange Zeit beschäftigt hat.

Der Text entstand förmlich: Das erste Kapitel wurde Anfang April geschrieben, die nächsten Abschnitte kamen Mai und Juni hinzu. Ursprünglich war der Anfang als Ballade geschrieben, aber mittendrin fiel mir auf, dass das doch nicht so ganz passend sein würde. Also machte ich einen Prosatext daraus.

Parabel-Bahn

Sie hatten sich versammelt. Alle. Und sie waren neugierig, auf das, was er ihnen zeigen wollte. Nach den vielen Wochen, ja, Monaten des Schweigens, würden sie nun endlich erfahren, was es denn war, was ihn zu solch stiller und offensichtlich geheimer Betriebsamkeit trieb. Was sie aus zahlreichen unklaren, halbvermuteten und halbwahren Details glaubten zu ahnen – es hätte alles sein können. Er hätte vor die Menschen treten können und ein Konzept gegen die Ungerechtigkeit auf der Welt vorstellen und es hätte niemanden wirklich verwundert. Und da erschien er auf dem erhöhten Podest.

Doktor Parabel war ein wenig nervös, als er vor all diesen Menschen stand, nachdem er in der vergangenen Zeit fast nur allein gearbeitet hatte. Obwohl: Es wäre Untertreibung, zu behaupten, dass er ein wenig nervös wäre – tatsächlich wurde dieses Gefühl nur noch von seiner Aufregung übertroffen. Allerdings… wer wäre bei der Größe eines Projekts wie dem seinen nicht aufgeregt, wenn der Moment kommt, die Welt daran teilhaben zu lassen? Und dass er dabei nicht im Geringsten so stolz war, wie es ihm zugestanden hätte, ließ dann doch ein wenig Nervosität von ihm abfallen.

Er ging nach Plan vor und hielt eine Rede, die er detailliert geplant, penibel ausgearbeitet und gewissenhaft einstudiert hatte: Überschwänglich und auch sonst sehr bewegt, überaus emotional dabei recht überlegt dankte er also dem Team und vor allem sich selbst. Er bereitete vor, er entwickelte, er konstruierte, er kalkulierte und er visionierte. Und er vergaß das Publikum, das er extra eingeladen hatte.

Als er wieder einmal auf seine Schlüsselrolle hinwies, brachte ihn das ausgiebige Gähnen von jemandem, an den er sich als einen guten Freund erinnerte, ein wenig aus dem Konzept. Welches er spontan und etwas widerwillig abkürzte, indem er sämtliche Leistungen seiner Person ausließ und somit gleich zur Präsentation schreiten konnte.

Wild kreisendes Scheinwerferlicht und monströse Musik riss einen Teil der Anwesenden aus ihrer zeitweiligen geistigen Abwesenheit und ihnen kam wieder zu Bewusstsein, weshalb sie eigentlich hier waren.

Unter Planen, Decken und Tüchern kunstvoll verdeckt lag das Interesse der Lichter und der Zuschauer. Es war groß, übermannsgroß, aber es konnte kein Haus sein. Den euphorischen Anpreisungen des Doktors zufolge hätte das Verdeckte das Zentrum einer neuen Religion sein können, ein Perpetuum Mobile oder eine Apparatur, die den Stein der Weisen fließbandartig herstellt. Wenn es Doktor Parabel so sehr begeisterte und auch noch so groß war, mussten die Zuschauer auf alles vorbereitet sein.

Und doch: Nach der aufwendig arrangierten Entfernung aller Schutzschichten, sahen sie eine Bahn. Sie war klein und fein. Technisch sicherlich ausgereift. Aber dennoch keine Besonderheit. Besonders nicht nach allen Ankündigungen und in Anbetracht eines schnittigen Zuges, der nicht weit entfernt seine prachtvolle Erscheinung durch die Gegend fuhr.

Der Applaus kam vielleicht deswegen nicht richtig in Fahrt, aber der Doktor war nicht mehr zu bremsen: „Sie ist so schön, so stark, so schnell!“ Letztlich fand es keiner so toll, und so meinte er etwas irritiert zur Verteidigung: „Ihr müsst doch erst das Innere sehen, um sie zu verstehen!“

Drinnen setzte sich der äußere Eindruck bei den versammelten Leuten weiter durch: In der Bahn war alles ganz nett und gefällig, aber ohne Individualität, fast ohne Leben. Als müsste noch einiges getan werden, obwohl doch schon so viel getan worden war. Irgendjemand fragte wohl nach dem Sinn der Bahn, sodass es ihm der Doktor sogleich zeigte: Sie fuhr los. Recht langsam zwar, aber ohne jegliche Probleme. Der Doktor streichelte sie mit strahlendem Gesicht.

Kannst du das schon, kann die das schon, muss das denn sein?“ drangen urplötzlich einige Freunde auf ihn ein. Worauf er etwas ungehalten einwarf, dass ja offensichtlich alles funktioniere. Und dass es noch besser ginge, bewies er mit einem fast reibungslosen Erhöhen der Geschwindigkeit.

Vorn im Führerhaus steuerte Doktor Parabel bald darauf seine Bahn. Es war ihm inzwischen lieber, alleine bei ihr zu sein – die Leute hätten ihm nur alles verdorben. Schlichtweg, weil sie eifersüchtig waren. Weil sie nicht so eine schöne, starke und schnelle Bahn hatten. Was wussten die da draußen überhaupt über Bahnen? Er hatte sich die letzte Zeit mit nichts anderem beschäftigt, wusste vollkommen Bescheid und konnte sagen: Diese Bahn ist die beste. Und er hatte sie nach sich selbst benannt: Die Parabelbahn war schließlich sein Werk. Er würde dorthin gehen, wohin auch sie ginge und auch sie würde ihm überallhin folgen. Und im Moment machte sie prächtig Fahrt – ein wunderbares Gefühl. So schnell und doch… so still. Als ob man sich auf einem Regenbogen fortbewegte! Und die Warnschilder am Schienenrand zogen vorbei wie ein zerfließender Traum.

Hinten im Abteil sprach man über die unerwartete Entwicklung des Tages und einige zeigten sich inzwischen recht begeistert über die Bahn und ihren Schöpfer: „Wenn er weiterhin so an ihr arbeitet, weiter sich so um sie kümmert, wird sie doch noch etwas Besonderes. Was soll denn auch schief gehen?“ Nur die Freunde fanden die Obsession des Doktors ziemlich unverständlich und auch unbefriedigend, nach allem, was er mit seinem Intellekt hätte vollbringen können. Und es fiel ihnen auch ein, dass diese Strecke noch gar nicht ausgebaut war: Die Überbrückung des Abgrunds endete auf halbem Wege und war für eine so spontane Überfahrt längst nicht bereit.

Fieberhaft suchten sie nun nach einer Notbremse. Sie wussten, sie würde die Bahn zerstören, all seine Arbeit, seine Kraft, ihn selbst, aber zumindest würden sie leben. Wie auch immer, aber das würden sie. Doch der Abgrund rückte immer näher und alles, was sie fanden, waren Fotos des Erbauers mit seiner Parabelbahn.

Mit der er glücklich und erfüllt ins Nichts stürzte.

Weiche

Fieberhaft suchten sie nun nach einer Notbremse. Sie wussten, sie würde die Bahn zerstören, all seine Arbeit, seine Kraft, ihn selbst, aber zumindest würden sie leben. Wie auch immer, aber das würden sie.

Da! Die Bremse! Sie fanden sie, gerade noch rechtzeitig. Also zogen sie mit vereinten Kräften – aus vollster Kraft aus voller Überzeugung.

Ein Quietschen.

Ein entsetzlicher Lärm.

Die Bahn brach aus dem gemütlichen Schienenbett, hinein in unwegsames Gelände, die metallenen Räder kreischten auf dem Schotter und das Gefährt kam in einer riesigen Staubwolke auf der Seite liegend und recht kaputt zum Stehen.

Stöhnen.

Die Menschen kletterten verdreckt und erschreckt aus dem Bauch der Maschine – doch außer ein paar Schrammen blieben sie unversehrt. So auch der Doktor, der sich wutschnaubend den Freunden näherte. „Was ist in euch gefahren? Müsst ihr mir alles nehmen, was ich habe?“ – „Aber der Abgrund, wir kamen ihm immer näher und da fehlt doch noch die…“ – „Haltet ihr mich wirklich für so sorglos? So dumm und kurzsichtig? Ich habe die Brücke doch extra fertig bauen lassen. Es sollte doch eine schöne Fahrt werden.“

Weicher

Fieberhaft suchten sie nun nach einer Notbremse. Sie wussten, sie würde die Bahn zerstören, all seine Arbeit, seine Kraft, ihn selbst, aber zumindest würden sie leben. Wie auch immer, aber das würden sie. Doch der Abgrund rückte immer näher.

Zumindest wird er glücklich und erfüllt enden“, meinte ein Freund. „Zumindest wird er das glauben“, murmelte ein anderer.

Eine bedrückende Ruhe breitete sich bei den Passagieren aus. Sie alle wussten von der gähnenden Schlucht, doch die einen konnten nichts dagegen tun und viele andere wollten schlichtweg nicht.

So erreichte man den Ort.

Nichts geschah.

Ruhig, fast wie auf Luft glitt die Bahn über eine neu erbaute Brücke.

Zerknirscht und beschämt stiegen die Freunde aus, als der Bahnhof erreicht wurde, auf dem sogar eine Blaskapelle ein munteres Willkommensständchen spielte.

Der Doktor lächelte.

Verschwommen

Er lächelt… Meinst du, er kann uns hören?“ – „Nach dieser Zeit? Ich weiß nicht… Die Ärzte hielten es ja schon für ein Wunder, dass er überhaupt noch lebt.“ – „Tja, dieser Stromschlag…“ – „Ja, hätte er die Sicherheitsvorschriften beachtet, wäre das niemals passiert. Aber er musste ja unbedingt seine Bahn präsentieren. Ein bisschen Zeit mehr und alle Sicherheitsbedingungen wären eingehalten worden! Ich werd wohl nie verstehen, warum er das Ding in so einem unfertigen und vor allem gefährlichen Zustand gezeigt hat…“ – „Aber er lächelt… Er sieht vollkommen glücklich aus! Woran er wohl gerade denkt?“ – „Wahrscheinlich an seine blöde Parabelbahn. Komm, lass uns gehen.“

So löschten sie das Licht und verließen den Raum.

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