Story°Teller

Ein Lyrisches Ich tischt auf

Abgeschlossene Dramen #1

Februar2010

Und mit den “Abgeschlossenen Dramen” beginne ich eine Reihe, die ich wahrscheinlich niemals weiter führen werde. Schade eigentlich, bislang ist es ja nicht so schlecht… 

Abgeschlossene Dramen #1

Er dachte sich nichts dabei, als er an jenem Experiment teilnahm. Er ging in den dunkelroten Klinkerbau des Instituts, wurde eingewiesen und saß kurz später mit einem Doktoranden in einem Seminarraum. Dort bekam er verschiedene Porträtaufnahmen, die er in bestimmte Kategorien einsortieren sollte. Es war ein beträchtlicher Stapel mit ganz unterschiedlichen Gesichtern, doch eines war dabei, das sein Leben ändern sollte. Es gelang ihm, das Bild an sich zu nehmen und als das Experiment beendet war und er hinaustrat, da machte er sich auf die Suche. Und er verbrachte die kommenden Jahre damit, jene Frau zu finden, in deren Anblick er sich sofort verliebt hatte. Bedauerlicherweise hatte ihm aber niemand verraten, dass bei dem Experiment ausschließlich am Computer erzeugte Gesichter verteilt worden waren.

Das Vergeßen

November2009

Ist es möglich, eine Parodie auf Franz Kafka zu schreiben? Ich habe keine Ahnung, nichtsdestotrotz habe ich es probiert. Wobei ich das Gefühl nicht loswerde, dass Kafka in den letzten Kapiteln von “Das Schloss” pure Parodie auf sich selbst betrieben hat.

Das Vergeßen

L. trat auf die Straße, als ein stiller Schrei in der Dunkelheit der Nacht erschallte. Nachdem L. dies gesehen und vielmehr noch, nachdem er dies gehört hatte, waren die Dinge nicht mehr so anzusehen, wie dies vorher noch der Fall gewesen war. Zwar gab es Ausnahmen, kleine Banalitäten hier und durchaus beträchtliche Angelegenheiten dort, doch konnten sie in ihrer Gesamtheit nichts gegen den Eindruck ausrichten, dem L. nun nachhing.

Dabei war L. in keiner nennenswerten Weise in den Vorgang involviert, nicht einmal mit dem kleinsten Bestandteil des Geschehens konnte ihm irgendeine Verbindung nachgesagt werden, nur auf höheren Ebenen hätten sich Verschränkungen auffinden lassen können, welche jedoch aufgrund ihrer Größe und ihrem Umfang dermaßen allgemein hätten formuliert werden müssen, dass sie nicht auf eine ausschließliche und konkrete Weise die Person oder auch nur das Wesen L.’s hätten erfassen können. Andererseits fühlte L. selbst eine äußere und vor allem innere Teilnahme, die in vielerlei Hinsicht nicht einmal von denjenigen empfunden worden ist, bei denen dies tatsächlich der Fall gewesen ist. Aber auch von diesen unterschied sich L. erheblich, so fühlte er etwa ein Unwohlsein, genauer eine Schläfrigkeit, wodurch ihnen gegenüber nichts hätte fremder sein können. L. wusste, ja ahnte von alldem nichts und was hätte es ihm gebracht, dies alles zu überblicken? War es nicht weit eher als ein ungeheurer Vorteil einzuschätzen, dass L. sich ohne Kenntnis derjenigen Dinge, die schließlich auch nicht sehr gefestigt und eindeutig waren, eine eigene, da ja unbeteiligte Meinung bilden konnte? Und war er so nicht verhältnismäßig näher an der Wahrheit, als es denen, die doch viel unmittelbarer beteiligt waren, jemals hätte möglich sein können? So zumindest erklärte sich L. den offen liegenden Widerspruch zwischen der einen Seite, die unverhüllt und zugänglich aufzufinden war und der anderen Seite, die bei weitem direkter und wahrhaftiger erschien. Diese Gedanken begleiteten L. und während er unentwegt seinem Weg zu folgen suchte, spürte er eine Empfindung, mit der ihm nichts anzufangen gelang, genauso wenig wenig wie mit der fortwährend drückend werdenden Stille, die er in dieser Finsternis bereits vollkommen vergessen hatte.

Der Ideenjäger

März2009

Dies ist eine Hommage. Sie soll die schier wahnwitzige Kreativität würdigen, die in den Werken von Jasper Fforde steckt. Eine nachvollziehbare Inhaltsangabe der sogenannten BookWorld-Novels ist nicht so leicht, deshalb nur soviel: Die Protagonistin Thursday Next kann sich direkt in Bücher hinein bewegen und trägt dort zum Schutz der Werke bei. Dort gibt es außerdem den “Brunnen der Manuskripte”, in dem Ideen für Geschichten gehandelt und zusammen gestellt werden. Gewissermaßen eine konsequente Personifizierung von allem, was man so aus Büchern kennt. Und in dieser Welt spielt auch folgende Geschichte, die aber nicht einmal ansatzweise an das Vorbild heranreicht. Besorgt euch deshalb auf alle Fälle den “Fall Jane Eyre”, den ersten Roman der Reihe. Oder gleich “The Eyre Affair”, denn im Original kommen die englischen Wortspiele natürlich viel besser zur Geltung.

Der Ideenjäger

Zur Genealogie der Gedanken und der Genese eines Geschäftsmodells

Er pirschte sich vorsichtig heran, er beobachtete und lauschte, roch und schnüffelte – er war auf der Jagd nach Ideen, denn er war Ideenjäger.

Hörte er da Musik, eine Melodie? Die nutzte ihm nichts, denn was er brauchte, das war die Idee für eine Musik. Was er brauchte, waren die Dinge, die existieren, aber noch nicht da sind. Die Dinge, die nicht real sind und zugleich irgendwie vorhanden sind. Dort, wo sich das Werden und Nochnichtsein treffen, da ließen sie etwas entstehen – und dort ließ sich auch am besten Beute machen. Und dort waren sie auch am schwierigsten zu finden.

Es war später Nachmittag. Ein geübter Ideenjäger ging nie vorher auf die Suche, denn die meisten Ideen kommen erst später. Dann, wenn die Dunkelheit kommt, dann kommen auch die Ideen, mitunter auch die guten und die besten. Die sind am schwierigsten zu erwischen. Nicht etwa, weil sie so selten wären – gute Ideen gibt schließlich wie Sand am Meer. Einige Ideenjäger schwören deswegen darauf, einfach Sand vom Meer zu nehmen und es als gute Idee zu verkaufen. Wer schon länger im Ideengeschäft tätig ist, kann darüber nur lachen: Metaphern als letzte Wahrheit ansehen, welch ein Anfängerfehler! Nichtsdestotrotz gehen sie weg wie warme Semmeln.

Der Ideenjäger sah sich um. Da! Was war das? Zwei Menschen? Sie redeten miteinander… Womöglich konnte er die Geburt einer Idee erleben. Junge Ideen werden oft in der Nähe von Menschen geworfen. Noch nie wurde die Entstehung einer Idee fernab von Menschen beobachtet, doch dies könnte daran liegen, dass dann auch niemand dabei war, um dieses Phänomen miterleben zu können.Inzwischen hatte sich der Jäger den Menschen genähert, bei denen es sich offenbar um einen Mann und eine Frau handelte. Der Ideenjäger wurde misstrauisch und beobachtete sie genauer. Diesen Blick zwischen ihnen hatte er bereits tausendfach gesehen. Er verhieß oft, dass bald die guten Ideen nur so sprudeln würden. Eine trügerische Verheißung. Denn hier war etwas abzusehen, das in Fachkreisen als „Glühbirnen-Effekt“ bezeichnet wurde: Viel Energie wird aufgewendet, um letztlich nur für ein durchschnittliches Leuchten zu sorgen, dass außerdem noch erheblichen Schwankungen unterworfen ist. Meistens entsteht also heiße Luft, vielleicht die Wiederholungen abgestandener Ideen und bestenfalls werden alte Gedanken aufgefrischt. Nur unerfahrene Ideenjäger warteten hier auf einen guten Fang, aber er war Profi und suchte weiter.

Tatsächlich verfügen die besten Ideen über raffinierte Tricks, um nicht gefunden zu werden. So halten sie sich gerne in der Nähe der Jäger auf, umschwirren ihre Köpfe – und doch sind sie schnell genug weg, wenn man sie fasssen will. Es bereitet ihnen einen Höllenspaß, greifbar und doch nicht erreichbar zu sein. Andere Ideen lassen sich bereitwillig fangen und das sollte erfahrene Jäger stutzig machen. Wissen sie doch, dass es sich dabei nur um ahumane Ideen handeln kann: Großartige Gedanken, die von einleuchtender Eleganz nur so leuchten, aber beim direkten Kontakt mit Menschen zu einer erschreckenden Einfachheit zerfallen und damit nutzlos werden.

Die gewissenhafte Vorbereitung bildete das Fundament einer erfolgreichen Ideenjagd. Viele seiner Kollegen schwörten auf uralte Mittel, die der Legende nach von den ersten erjagten Ideen selbst stammen sollen. Die Jäger kratzten sich die Köpfe, tranken abends einen guten Wein oder türmten reihenweise leere Blätter um sich auf, um die Ideen anzulocken. Der erfahrene Jäger benötigte solche Hilfsmittel nicht, die entweder aus Aberglauben oder purer Verzweiflung angewandt wurden. Er spazierte einfach herum und versuchte nicht daran zu denken, dass er auf der Jagd war. Nur dumme Ideen werfen sich aufmerksamen Jägern an den Hals. Hintergründige Ideen fallen vor allem dadurch auf, dass sie nicht auffallen wollen. Als erfolgreicher Jäger muss man sich auf eine gedankliche Ebene mit den gewünschten Ideen begeben.

Die gewieftesten unter den besten Ideen wenden also eine Taktik an, die selbst die langjährigsten Ideenjäger täuschen kann: Sie verbergen ihren wahren Charakter und erscheinen entweder als völlig belanglose Gedanken, die mit ein paar ahnungslos arrangierten Alliterationen ihre angebliche Armseligkeit zu verdecken suchen. Oder sie wirken, als wären sie schon früher einmal da gewesen und betreten betont ausgelatschte Pfade. In beiden Fällen interessiert sich natürlich kaum ein Jäger für sie. Tatsächlich werden diese Art von Ideen meist nur von zwei Gruppen entdeckt: Auf der einen Seite wären da Blinde Hühner zu nennen, die immer wieder auf überaus überragende Ideen stoßen. Deren Professionalität muss jedoch angezweifelt werden, da sie prinzipiell alles für eine überaus überragende Idee halten, was sie vor ihre Schnäbel bekommen und finden Körner noch toller.

Auf der anderen Seite steht die Eliteklasse unter den Ideenjägern, die nicht nur eine große Erfahrung im täglichen Umgang mit großen und kleinen Ideen vorweisen kann, sondern auch interdisziplinär gebildet ist: Solche Jäger können philosophische Geistesblitze von physikalischen Kugelblitzen unterscheiden und teilen oft ganz natürlich eine Schätzung mathematischer Axiome. Sie wissen ganz genau, wann ein langer Bart unecht sind oder eine fröhliche Melodie nur der Tarnung dient. Denn diese Jäger haben einen sechsten Sinn dafür, wenn sie von einer guten Idee verarscht werden.

Heutzutage ist die Ideenjagd derart professionalisiert, dass es einen beständigen Zustrom eines kreativen Flusses geben könnte. Könnte – denn inzwischen hat sich eine neue Gefahr offenbart: Die Gedankengänge selbst sind bedroht. Es wird zusehends schwieriger, gute Ideen zu entdecken, ja, überhaupt irgendwelche Ideen aufzustöbern. Im Lärm lauter Musik ist feiner Klang kaum zu vernehmen, in kleinen Pamphleten finden sie wenig Platz und zwischen dickgedruckten Wörtern müssen sie ständig um ihre Existenz bangen. Beim Anblick flimmernder Bildschirme liegen sie gleich tausendfach darnieder, wenngleich es Exemplare gibt, die sich anpassen konnten. Am schlimmsten aber wiegen die platidüdinellen Infektionen, die sich immer weiter ausbreiten. Wer heute noch als Ideenjäger leben will, muss daher einige Ideale an den Nagel hängen und hart für seine Ideen arbeiten. Daneben sollte man auf die Macht der Zufälle vertrauen und dabei nicht vergessen einen einprägsamen Geschäftsnamen und eine passende Marktnische für die eigenen Ideen zu finden.

Der Ideenjäger hatte dies getan: Mit seinem Unternehmen „Die Ideen des März“ belieferte der Ideenjäger Helmut März seine frisch gefangenen Ideen vor allem an die Großhändler des Kreativmarktes. Hier schätzte man seine Ware, wenngleich er nicht mit den Preisen der Massenideenhaltung oder der Wirkmächtigkeit der Ideologen mithalten konnte, die meist mit hochgezüchtetem Gedankengut aufwarten konnten. Die Produkte der Konkurrenz ließen sich aber oft nicht kontrollieren oder waren einander zu ähnlich. März konnte sich daher als Anbieter beständiger und langlebiger Ideen einen Namen machen. Welchen, das wusste er noch nicht, aber würde sicherlich bei Gelegenheit eine Idee bekommen.

Gespräch zwischen dem System und mir

März2008

Das ist teilweise beeinflusst von Ahnes “Zwiegesprächen mit Gott”, teilweise von Agent Smith aus der Matrix-Trilogie und teilweise aus systemtheoretischen Diskussionen in Uni-Seminaren. Ursprünglich war ich auf der Suche nach einer Figuren-Konstellation, die so etwas wie eine Fortsetzungsgeschichte möglich machen könnte. Aber irgendwie ist hier schon mit der ersten Folge Schluss…

Gespräch zwischen dem System und mir

Warum ich keine Geschichte über es schreiben kann:

  • ich habe gehört, du möchtest eine geschichte über mich schreiben?

  • Na, hatte ich mal kurz angedacht. Es kommen mir ja immer wieder Gedanken, die meisten sind erst total unausgegoren, aber irgendwann werde ich…

  • lass es sein.

  • Was?

  • lass es sein.

  • Aber wieso? Das könnte spannend werden, eine literarische Herausforderung! Eine Erzählung, die wirklich knallhart das System selbst in den Mittelpunkt stellt!

  • das ist doch quatsch.

  • Wie jetzt?

  • also, eine überzeugende geschichte mit mir in der hauptrolle, das geht doch nicht!

  • Na, dann bin ich halt der erste!

  • blödsinn, das system ist das system und nicht irgendein x-beliebiger protagonist!

  • Oh, da fühlt sich ja jemand in seiner Eitelkeit verletzt!

  • nicht im geringsten. ich versuche dir nur klar zu machen, dass du zwangsläufig, dass du zwangsläufig an mir vorbei schreiben wirst, wenn du über mich schreibst.

  • Das is ja mal ne Sache. Biste dir sicher?

  • auf jeden fall. nicht nur, dass es unmöglich ist, die komplexität und allumfassenheit meines daseins angemessen darzustellen; gleichzeitig leugnest du dann wahrscheinlich die verantwortung von jedem handelnden individuum. wahrscheinlich auch von jedem nicht-handelnden individuum, aber ich wollte da gar nicht soweit ausholen.

  • Hm.

  • tut mir leid, wenn ich dich erschlagen habe. aber ich bin halt das system, da ist sowas immanent.

  • Hm. Und wenn ich einfach nur mit dir rede?

  • rede?

  • Ja, so eine Art Interview. Du plauderst einfach ein wenig und ich sage vielleicht auch mal was, so zwischendurch.

  • tja, du wirst zwar hören, was ich sage, aber dadurch kommst du doch mir selbst überhaupt nicht näher. ich wär ja auch schön blöd, wenn ich als system einfach mal so alles frei ausquatschen würde. aber ich lass es mir mal durch den kopf gehen. du weißt ja, wo du mich findest.

Ein Leben

September2006

An diesem Text habe ich ziemlich lange gesessen. 2005 hatte ich die Idee, die auf Erfahrungen und Inspirationen in den Gender Studies beruhte und begann mit einer ersten Version. Der Arbeitstitel lautete „Nicht komplett“. Zu der Zeit las ich auch ziemlich viel Kafka und unter diesem Eindruck schrieb ich den Text soweit um, dass kaum etwas davon übrig blieb. Was zuvor explizit genannt wurde, war nun gerade noch vage zu erahnen und auch die Perspektive des Erzählers verschob sich etwas. Dass einige Stellen an “1984″ und vielleicht auch andere Science-Fiction-Klassiker erinnern, dürfte wahrscheinlich auch kein Zufall sein…

Ein Leben

Gynos verstand nicht. Es ist nicht ganz klar, ob er nicht konnte oder nicht wollte, aber dies spielt letztlich doch eine untergeordnete Rolle. Weitaus wichtiger erscheint das Ergebnis der vielen Gespräche, die er geführt hat, die vielen Untersuchungen, um die optimale Arbeitsstelle für seine Person zu finden. So mannigfaltig die Orte und unterschiedlich die Gesprächspartner, so eindeutig die Aussage, die jeweils am Ende stand: Nie hatte er die passende Aufgabe für sich gewählt, in keinem Fall hätte er seine Fähigkeiten, sein Wissen und sein Können für alle Seiten zufriedenstellend einsetzen können. Dies mag im jeweiligen Augenblick äußerst ungerecht erscheinen, doch würde er selbst immer wieder die detaillierte Arbeit der Optimal-Interpolatoren zu schätzen wissen – schließlich zielen sie mit ihrem feinen Abwägen angebotener und verlangter Fähigkeiten nicht nur auf eine fein justierte Gesellschaft, sondern vor allem auf ein erfülltes Leben jeder einzelnen Person darin ab. So erklärt sich auch die unermüdliche Suche von Gynos.

Gynos saß bei Reut, mit dem er einen überaus hohen Prozentsatz von Gemeinsamkeiten in Bezug auf Interessen, Vorlieben und Ablehnungen teilte. Sie wohnten im gleichen Wohndistrikt, hatten ein ähnliches Alter und nahmen regelmäßig mit Alkoholwirkstoffen versetzte Getränke im gleichen Trinklokal zu sich. Reut verstand besser als Gynos, doch bedeutete dies nicht, dass er deshalb Gynos verstanden hätte. Dies vermochte niemand, Gynos eingeschlossen. Reut verstand, wie sinnvoll und effizient die Arbeit, das Leben und der Rest organisiert waren und er verstand auch, dass die Optimal-Interpolatoren auch bei augenscheinlich ungerechtem Handeln in Wahrheit immer die richtigsten und optimalen Entscheidungen trafen.

„Du hast eben noch nicht den richtigen Job gefunden. Der, der für dich gemacht ist“, wusste Reut auch dieses Mal. Gynos hatte von seinem letzten Versuch berichtet, eine Stelle zu bekommen; sie war ungenügend für sein Wesen bestimmt. Er hatte darauf verwiesen, dass er Jahrgangsbester in Bio-Tech gewesen war und seine weiteren Qualifikationen vorgebracht. Dass es ihm an entscheidender Stelle mangelte, hatte er auch diesmal nicht begriffen. Stattdessen fühlte er eine Wut, die aus seiner persönlicher Sicht unter gewissen Umständen nachvollziehbar hätte sein können, aber natürlich ohne jegliche tatsächliche Basis bestand. Und so musste Reut ihn erst an den Gleichheitskodex erinnern: „Gleichheit über alles für alle.“ Ungleichbehandlungen sind also ausgeschlossen, wenngleich es aus subjektiver Perspektive so scheinen mag. Aber dies ist nur Schein – ein Schein, in dem Gynos lebte.

Gynos ging nach Hause, einige Stationen mit der Schnellbahn, mit Aufzügen hinunter in die Ebene. Dort würde er einige Minuten zu Fuß laufen, was seiner Konstitution zugute kommen würde. Die Ebene war ideal für Personen wie ihn, auch wenn es davon kaum jemanden gab: Jene mit noch ungepasstem Fähigkeit-Arbeit-Verhältnis. Straßen und Gebäude waren nicht unbedingt in optimalem Zustand, was aber niemanden störte, da die Verhältnisse schnell gepasst wurden und ein Umzug in höhere Sphären vonstatten ging.

Gynos ging vorbei an zerrissenen und verwaschenen Parolen der Intuitivisten. Die Behauptung „Interpolieren = Manipulieren“ war ebenso Geschichte wie die Bewegung selbst.

Einigen Pfützen ausweichend näherte sich Gynos einer Ansammlung von Leuten.

Sie drängten sich, sie schoben und strömten in ein Gebäude. Es war außerordentlich farbig und von innen kam ein warmes, leuchtendes Licht. Mitgeschoben und mitgedrängt trat auch Gynos in den gewölbten Innenraum, dessen Decke sich wie eine Kuppel über das Innenleben erstreckte. Hier standen alle dicht an dicht. Gynos versuchte jemanden zu erkennen, aber beinahe peinlich berührt wurden Gesichter weggedreht, doch vielleicht lag es nur an den verschiedenen Schubbewegungen aus allen Richtungen.

Schon bald war der Raum nur noch eine wogende Masse aus Köpfen. Jemand betrat nach kurzer Zeit das Gewölbe. „Mein Name ist Solex“, erschallte die angenehm-autoritäre Stimme durch den Raum. „Ich möchte Sie recht herzlich begrüßen, meine Herren!“ Herren? Ein Raunen ging durch die Menge. Natürlich! Auch dieser Solex war eine männliche Person! Aber weshalb wies er darauf hin? „Hören Sie…“ Solex’ Stimme ließ das Geraune ersterben. „… ich möchte nicht darum herum reden. Ich kenne Ihr Problem! Sie alle wurden von den Anstellungsorganen als nicht-optimal eingeschätzt.“ Unglaublich! Über diesen Umstand wurde für gewöhnlich so wenig gesprochen, wie er nicht vorhanden war. Und diese unfassbare Frechheit, das als „Problem“ darzustellen! Nicht die Anwesenden waren nicht-optimal, sondern die gewählten Berufe! Wie beschämend! Aber Solex fuhr fort: „Sie sollen wissen: Ich bin auch abgelehnt worden.“ Er zupfte kurz am Hemd über seinem Bauch. „Und wäre es noch immer, wenn ich nicht verstanden hätte. Wenn ich nicht den wahren Grund erfahren hätte. Fragen Sie sich eines: Wurden Sie erfolgreich maternisiert?“

Nach einer Schrecksekunde begann es unruhig zu werden. Aus der mehr und mehr brodelnden Stimmung stachen Ausrufe immer wieder hervor: „…Intimspähre verletzt…“ und „…Gleichheit über alles…“

Solex verschaffte sich etwas Gehör: „Bitte, bitte, ich möchte Ihnen doch nur helfen, denken Sie doch nur…“ Eine aggressive Stimme schallte zurück: „Helfen? Die Maternisierung hat für Gleichheit gesorgt, die Optis für unseren Wohlstand! Lass uns in Ruhe, du Intuitivist!“

Gynos wachte in Schweiß gebadet auf, als am Morgen pünktlich um sieben Uhr der allgemeine Weckruf ertönte. Er stand nicht sogleich auf, um sich zu waschen, anzukleiden und aktiv seine Lebensplanung zu verfolgen. All dies tat er nicht. Er blieb liegen, an die Decke starrend musste er an seine Maternisierung denken. Wie bei allen geschah sie in frühester Kindheit, einige Zeit nach der Geburt. Etwas hatte nicht richtig funktioniert – und er war fortan kein vollständiger Mensch. Seine Fähigkeiten würden begrenzt bleiben, nie würde er sich frei entscheiden können, immer würde dieser Makel, dieses Stigma, an ihm haften.

Was aber keinesfalls ein schlechtes Leben bedeutete: Er hatte dieser Gesellschaft viel zu verdanken – er konnte wie ein normaler Mensch eine Ausbildung genießen und sogar an einigen Freizeitaktivitäten durfte er teilhaben. Während ihm selbstverständlich das Zusammenleben mit anderen Menschen verwehrt blieb, durfte er gute Bekanntschaften wie zu Reut pflegen. Um der Gemeinschaft auf andere Weise zu nutzen, hatte er sich in das BioTech-Studium gestürzt und gelernt, was es zu diesem Thema gab. Vielleicht gelang es ihm dadurch irgendwann, Fälle wie den seinen zu verhindern. Wenn ihn ein Interpolator zu gegebener Zeit an gegebenem Ort zu gegebenen Umständen als optimal einstufen würde.

Aber wenn dieser Solex Recht hatte… Wenn seine fehlende Maternisierung immer ein Ablehnungsgrund war und sein sollte – ja, was bedeutete das dann?

Er stand auf und begann sich zu waschen.

Gynos betrat den langgestreckten Raum, der bis zum anderen Ende mit Bedienelementen gefüllt war. Ein Herzstück der Optimal-Interpolatoren: Hierher kamen Qualifikationen, die nicht bereits im Kindesalter gepasst wurden oder sich im Laufe der Zeit verändert hatte. Ein allumfassendes Brummen verriet, dass ständig gerechnet und interpoliert wurde: Effizient wurde die Gleichheit der Menschen ermöglicht. An der nächsten Findungsmaschine nahm Gynos Platz; ein freundliches Gesicht erschien auf dem Bildschirm. Das System analysierte den Gemütszustand des Benutzenden anhand von Gesichtsausdruck, Körpertemperatur, Schweißausstoß und weiteren Parametern und erstellte ein passendes Gesicht mit der genau passenden Stimme. Dies war eine relativ neue Errungenschaft der Interpolationswissenschaft und wurde bereits in vielen Personalstellen eingesetzt. „Guten Tag“ – eine schöne Stimme begrüßte ihn, möglicherweise die schönste Stimme seit langem. Sein letzter Aufenthalt an einem solchen Instrument war nicht sehr lange her, aber einen solchen schönen Klang hatte er nicht in Erinnerung. Inzwischen wurde wohl auch die Stimme angepasst.

„Wie Sie vor siebzehn Tagen erfahren hatten, interessierte sich der Testbereich von techgenetischem Spielzeug für Sie.“ Ein Nebeneffekt der künstlichen JobPartner war natürlich, dass ihnen überhaupt nicht anzumerken war, ob das Gesuch erfolgreich gewesen war oder nicht. Trotz ihres menschlichen Antlitzes blieben sie doch Maschinen. „Ach, ich habe mich noch gar nicht vorgestellt, wie unhöflich von mir! Ich bin J.P. III, aber Sie dürfen mich J.P. nennen. Also, zu ihrer Bewerbung: Ich muss Ihnen zu meinem großen Bedauern mitteilen, dass diese Anstellung nur ganz knapp Ihre Qualifizierung verfehlt. Sie werden sicherlich schon bald eine lohnendere Stelle finden, für das Gemeinwesen – und für sich selbst. Aber das ist ja selbstverständlich, oder. Ha Ha. Wenn Sie jedenfalls noch Fragen haben sollten, können Sie diese jetzt stellen.“

Gynos war angesichts der sachlichen Bilanz zusammengesunken. Dieser Job war in seinen Augen mit einer der niedrigsten Qualifikation verbunden. Er fragte den JobPartner nach einer Aufschlüsselung der Qualifikationsbilanz. Das Aussehen J.P.s änderte sich dabei fast unmerklich: „Nun, die genauen Algorithmen sind aus Sicherheitsgründen nicht frei zugänglich.“ Die Stimme klang fester, nüchterner. Vielleicht bildete sich das Gynos aber nur ein. „Nur soviel: Was das Fachwissen angeht, da haben Sie echt was drauf. Sie sind schon ein ganz Schlauer, was. He He. Aber scheinbar war diese Tätigkeit für andere Person optimaler. Vielleicht möchten Sie eine neue Probe entnehmen lassen. Mit aktuellen Daten gelingt die Interpolation gleich viel akkurater.“ Gynos befühlte die Narben auf seinem Bauch. Er musste an die letzte Nacht denken, an den Traum, an Solex. Er würde nun tun, was einem friedlichen und gesunden Zusammenleben der Menschen am meisten zuwiderlief, all ihre Grundsätze in Frage stellte und darum unweigerlich Konsequenzen nach sich ziehen musste. Nachdem er sich die Augen gerieben hatte, sprach Gynos sein elektronisches Gegenüber auf die Auswirkungen seiner ausgebliebenen Maternisierung an. Die Konsequenzen blieben nicht aus.

Gynos erwachte, in seinem Kopf dröhnte es. Sein Magen schmerzte. Er fragte sich, wo oben, wo unten war – wo er überhaupt war. Er konnte sich nicht erinnern… Mühsam öffnete er die Augen… Eine graue Wand… Und er lag offenbar auf dem Boden. Mit den Händen versuchte er sich aufzurichten… Seine Hände… Die rechte lag unter seinem Gesicht, speichelbedeckt und halb taub; die linke befand sich unter seinem Körper. Nach mühseligen Versuchen standen sie ihm wieder zur Verfügung und er konnte sich zumindest aufsetzen. Gynos blickte sich um, er sah jedoch nicht mehr als zuvor: Eine schimmernd graue Wand wölbte sich über ihn, unter ihm befand ich der ausreichend weiche Boden. Als er sich auf die Beine stellen wollte, schob sich eine unsichtbar eingelassene Tür mit einem zarten Zischen auf. Zwei Personen betraten den Raum. „Wie ich sehe, sind Sie aufgewacht. Sehr schön, dann können Sie mir zuhören.“ Gynos blinzelte, er versuchte durch den stechenden Lichtschein den Sprechenden zu erkennen. Diese Stimme kam ihm vertraut vor. „Sie denken jetzt wohl, Sie kennen mich. Nun, gesehen haben Sie mich zumindest. Wenn man das so nennen kann.“ Die Stimme konnte einen amüsierten Ton kaum unterdrücken. „Personen wie Sie lassen wir leben, man ist ja kein Unmensch. Aber wie bei allen Leuten stimulieren wir das Unterbewusstsein, wir testen damit die Bereitschaft zu anormalem Denken. Und das äußert sich zunächst in Träumen und kann in letzter Instanz das Handeln beeinflussen. Denken Sie nur an die Intuitivisten! Eine Rebellion, erschaffen von uns in den Köpfen potentieller Rebellen, die dann tatsächlich Parolen schmierten. Verrückt. Oder denken Sie an mich! Erstaunlich, welch exakte Bilder wir hervorrufen können, nicht wahr? Und wir bekommen auch etwas dafür: Viele Informationen. Je mehr Informationen, desto genauer, desto besser. Ganz einfach. Darauf basiert all dieses Interpolations-Zeugs.

„Aber was ist mit mir? Es ist meine Maternisierung, nicht wahr?“, brachte Gynos schließlich hervor.

„Ich sehe, sie haben gefunden worum es geht. Gut! Jeder strebt doch danach, die eigene Unvollkommenheit zu überwinden. Früher taten wir es mit einer anderen Art von Menschen – mal mehr, mal weniger erfolgreich. Man konnte das nie vorhersagen. Doch nun verfügen wir über die Maternisierung, jetzt können wir uns selbst komplettieren. Vollständig wie wir sind, können wir uns im Leben auf andere Dinge konzentrieren. Unsere Gesellschaft ist nicht mehr gespalten wie früher. Sie dagegen sind nicht maternisiert und werden stets auf der Suche nach Ihrer Vervollständigung sein. Doch es gibt keine Hoffnung für Ihresgleichen. Sie werden also stets suchend, unvollkommen und unglücklich sein. Das aber können wir uns nicht erlauben, wenn wir Gleiche unter Gleichen sein wollen – und das ist doch die einzig mögliche Vorraussetzung für Frieden und Zukunft. Wollen Sie der Zukunft im Wege stehen, nur weil Sie keine haben? Die natürliche Auslese haben wir durch eine techgenetische ersetzt, die weitaus effizienter und akkurater funktioniert. Vielleicht begreifen Sie es endlich: Sie sind kein Mensch, nicht einmal ein unvollständiger. Sie sind gar keiner. Vielleicht verstehen Sie jetzt.“

Gynos versuchte es. Als ein Brummen den grauen Raum erfüllte, war der Mensch schon draußen.

„Zu schade. Mit seinem Können hätte so ein Fall verhindert werden können“, meinte er auf dem Weg zu seiner nächsten Aufgabe.

Parabel-Bahn

Juni2004

Die literarische Verarbeitung einer Angelegenheit, die mich und andere lange Zeit beschäftigt hat.

Der Text entstand förmlich: Das erste Kapitel wurde Anfang April geschrieben, die nächsten Abschnitte kamen Mai und Juni hinzu. Ursprünglich war der Anfang als Ballade geschrieben, aber mittendrin fiel mir auf, dass das doch nicht so ganz passend sein würde. Also machte ich einen Prosatext daraus.

Parabel-Bahn

Sie hatten sich versammelt. Alle. Und sie waren neugierig, auf das, was er ihnen zeigen wollte. Nach den vielen Wochen, ja, Monaten des Schweigens, würden sie nun endlich erfahren, was es denn war, was ihn zu solch stiller und offensichtlich geheimer Betriebsamkeit trieb. Was sie aus zahlreichen unklaren, halbvermuteten und halbwahren Details glaubten zu ahnen – es hätte alles sein können. Er hätte vor die Menschen treten können und ein Konzept gegen die Ungerechtigkeit auf der Welt vorstellen und es hätte niemanden wirklich verwundert. Und da erschien er auf dem erhöhten Podest.

Doktor Parabel war ein wenig nervös, als er vor all diesen Menschen stand, nachdem er in der vergangenen Zeit fast nur allein gearbeitet hatte. Obwohl: Es wäre Untertreibung, zu behaupten, dass er ein wenig nervös wäre – tatsächlich wurde dieses Gefühl nur noch von seiner Aufregung übertroffen. Allerdings… wer wäre bei der Größe eines Projekts wie dem seinen nicht aufgeregt, wenn der Moment kommt, die Welt daran teilhaben zu lassen? Und dass er dabei nicht im Geringsten so stolz war, wie es ihm zugestanden hätte, ließ dann doch ein wenig Nervosität von ihm abfallen.

Er ging nach Plan vor und hielt eine Rede, die er detailliert geplant, penibel ausgearbeitet und gewissenhaft einstudiert hatte: Überschwänglich und auch sonst sehr bewegt, überaus emotional dabei recht überlegt dankte er also dem Team und vor allem sich selbst. Er bereitete vor, er entwickelte, er konstruierte, er kalkulierte und er visionierte. Und er vergaß das Publikum, das er extra eingeladen hatte.

Als er wieder einmal auf seine Schlüsselrolle hinwies, brachte ihn das ausgiebige Gähnen von jemandem, an den er sich als einen guten Freund erinnerte, ein wenig aus dem Konzept. Welches er spontan und etwas widerwillig abkürzte, indem er sämtliche Leistungen seiner Person ausließ und somit gleich zur Präsentation schreiten konnte.

Wild kreisendes Scheinwerferlicht und monströse Musik riss einen Teil der Anwesenden aus ihrer zeitweiligen geistigen Abwesenheit und ihnen kam wieder zu Bewusstsein, weshalb sie eigentlich hier waren.

Unter Planen, Decken und Tüchern kunstvoll verdeckt lag das Interesse der Lichter und der Zuschauer. Es war groß, übermannsgroß, aber es konnte kein Haus sein. Den euphorischen Anpreisungen des Doktors zufolge hätte das Verdeckte das Zentrum einer neuen Religion sein können, ein Perpetuum Mobile oder eine Apparatur, die den Stein der Weisen fließbandartig herstellt. Wenn es Doktor Parabel so sehr begeisterte und auch noch so groß war, mussten die Zuschauer auf alles vorbereitet sein.

Und doch: Nach der aufwendig arrangierten Entfernung aller Schutzschichten, sahen sie eine Bahn. Sie war klein und fein. Technisch sicherlich ausgereift. Aber dennoch keine Besonderheit. Besonders nicht nach allen Ankündigungen und in Anbetracht eines schnittigen Zuges, der nicht weit entfernt seine prachtvolle Erscheinung durch die Gegend fuhr.

Der Applaus kam vielleicht deswegen nicht richtig in Fahrt, aber der Doktor war nicht mehr zu bremsen: „Sie ist so schön, so stark, so schnell!“ Letztlich fand es keiner so toll, und so meinte er etwas irritiert zur Verteidigung: „Ihr müsst doch erst das Innere sehen, um sie zu verstehen!“

Drinnen setzte sich der äußere Eindruck bei den versammelten Leuten weiter durch: In der Bahn war alles ganz nett und gefällig, aber ohne Individualität, fast ohne Leben. Als müsste noch einiges getan werden, obwohl doch schon so viel getan worden war. Irgendjemand fragte wohl nach dem Sinn der Bahn, sodass es ihm der Doktor sogleich zeigte: Sie fuhr los. Recht langsam zwar, aber ohne jegliche Probleme. Der Doktor streichelte sie mit strahlendem Gesicht.

„Kannst du das schon, kann die das schon, muss das denn sein?“ drangen urplötzlich einige Freunde auf ihn ein. Worauf er etwas ungehalten einwarf, dass ja offensichtlich alles funktioniere. Und dass es noch besser ginge, bewies er mit einem fast reibungslosen Erhöhen der Geschwindigkeit.

Vorn im Führerhaus steuerte Doktor Parabel bald darauf seine Bahn. Es war ihm inzwischen lieber, alleine bei ihr zu sein – die Leute hätten ihm nur alles verdorben. Schlichtweg, weil sie eifersüchtig waren. Weil sie nicht so eine schöne, starke und schnelle Bahn hatten. Was wussten die da draußen überhaupt über Bahnen? Er hatte sich die letzte Zeit mit nichts anderem beschäftigt, wusste vollkommen Bescheid und konnte sagen: Diese Bahn ist die beste. Und er hatte sie nach sich selbst benannt: Die Parabelbahn war schließlich sein Werk. Er würde dorthin gehen, wohin auch sie ginge und auch sie würde ihm überallhin folgen. Und im Moment machte sie prächtig Fahrt – ein wunderbares Gefühl. So schnell und doch… so still. Als ob man sich auf einem Regenbogen fortbewegte! Und die Warnschilder am Schienenrand zogen vorbei wie ein zerfließender Traum.

Hinten im Abteil sprach man über die unerwartete Entwicklung des Tages und einige zeigten sich inzwischen recht begeistert über die Bahn und ihren Schöpfer: „Wenn er weiterhin so an ihr arbeitet, weiter sich so um sie kümmert, wird sie doch noch etwas Besonderes. Was soll denn auch schief gehen?“ Nur die Freunde fanden die Obsession des Doktors ziemlich unverständlich und auch unbefriedigend, nach allem, was er mit seinem Intellekt hätte vollbringen können. Und es fiel ihnen auch ein, dass diese Strecke noch gar nicht ausgebaut war: Die Überbrückung des Abgrunds endete auf halbem Wege und war für eine so spontane Überfahrt längst nicht bereit.

Fieberhaft suchten sie nun nach einer Notbremse. Sie wussten, sie würde die Bahn zerstören, all seine Arbeit, seine Kraft, ihn selbst, aber zumindest würden sie leben. Wie auch immer, aber das würden sie. Doch der Abgrund rückte immer näher und alles, was sie fanden, waren Fotos des Erbauers mit seiner Parabelbahn.

Mit der er glücklich und erfüllt ins Nichts stürzte.

Weiche

Fieberhaft suchten sie nun nach einer Notbremse. Sie wussten, sie würde die Bahn zerstören, all seine Arbeit, seine Kraft, ihn selbst, aber zumindest würden sie leben. Wie auch immer, aber das würden sie.

Da! Die Bremse! Sie fanden sie, gerade noch rechtzeitig. Also zogen sie mit vereinten Kräften – aus vollster Kraft aus voller Überzeugung.

Ein Quietschen.

Ein entsetzlicher Lärm.

Die Bahn brach aus dem gemütlichen Schienenbett, hinein in unwegsames Gelände, die metallenen Räder kreischten auf dem Schotter und das Gefährt kam in einer riesigen Staubwolke auf der Seite liegend und recht kaputt zum Stehen.

Stöhnen.

Die Menschen kletterten verdreckt und erschreckt aus dem Bauch der Maschine – doch außer ein paar Schrammen blieben sie unversehrt. So auch der Doktor, der sich wutschnaubend den Freunden näherte. „Was ist in euch gefahren? Müsst ihr mir alles nehmen, was ich habe?“ – „Aber der Abgrund, wir kamen ihm immer näher und da fehlt doch noch die…“ – „Haltet ihr mich wirklich für so sorglos? So dumm und kurzsichtig? Ich habe die Brücke doch extra fertig bauen lassen. Es sollte doch eine schöne Fahrt werden.“

Weicher

Fieberhaft suchten sie nun nach einer Notbremse. Sie wussten, sie würde die Bahn zerstören, all seine Arbeit, seine Kraft, ihn selbst, aber zumindest würden sie leben. Wie auch immer, aber das würden sie. Doch der Abgrund rückte immer näher.

„Zumindest wird er glücklich und erfüllt enden“, meinte ein Freund. „Zumindest wird er das glauben“, murmelte ein anderer.

Eine bedrückende Ruhe breitete sich bei den Passagieren aus. Sie alle wussten von der gähnenden Schlucht, doch die einen konnten nichts dagegen tun und viele andere wollten schlichtweg nicht.

So erreichte man den Ort.

Nichts geschah.

Ruhig, fast wie auf Luft glitt die Bahn über eine neu erbaute Brücke.

Zerknirscht und beschämt stiegen die Freunde aus, als der Bahnhof erreicht wurde, auf dem sogar eine Blaskapelle ein munteres Willkommensständchen spielte.

Der Doktor lächelte.

Verschwommen

„Er lächelt… Meinst du, er kann uns hören?“ – „Nach dieser Zeit? Ich weiß nicht… Die Ärzte hielten es ja schon für ein Wunder, dass er überhaupt noch lebt.“ – „Tja, dieser Stromschlag…“ – „Ja, hätte er die Sicherheitsvorschriften beachtet, wäre das niemals passiert. Aber er musste ja unbedingt seine Bahn präsentieren. Ein bisschen Zeit mehr und alle Sicherheitsbedingungen wären eingehalten worden! Ich werd wohl nie verstehen, warum er das Ding in so einem unfertigen und vor allem gefährlichen Zustand gezeigt hat…“ – „Aber er lächelt… Er sieht vollkommen glücklich aus! Woran er wohl gerade denkt?“ – „Wahrscheinlich an seine blöde Parabelbahn. Komm, lass uns gehen.“

So löschten sie das Licht und verließen den Raum.

Laken-Man III: Ein Laken und ein halbes

Oktober2003

Dass es mal so zuende gehen musste mit dieser Reihe… Hier zeigt sich ganz deutlich: Gibt es nicht auch nur den Hauch einer Story, dann ist eine Geschichte verloren. Und da können die Wortspiele noch so unüberlegt sein… Das fiel mir auch auf und darum blieb es hier bei diesem ersten Absatz.

Laken-Man III: Ein Laken und ein halbes

Nacht. Es war dunkel. Dunkel wie die Nacht. Und der Mond schien – er schien nicht zu scheinen. Pure Dunkelheit also, die man mit einem Löffel hätte essen können, wenn sie die molekulare Dichte eines Puddings gehabt hätte. Oder von Wackelpudding. Oder von einem Eis, das schon zu lange in der Sonne gelegen hatte. Obwohl ja nun tiefste Nacht herrschte – hier in einem demokratischen Land herrschte sie vollkommen unbeeindruckt von Judikative, Legislative und Exekutive. Und noch etwas anderes herrschte in der Nacht (die man auch nicht in jedem Satz vermenschlichen sollte): Das Versprechen… ähm… Das Verbrechen! Nun war diese Nacht ziemlich dunkel, wie Sie wahrscheinlich mitbekommen haben (wenn nicht, lesen Sie bitte mit geschlossenen Augen weiter), sodass selbst ein allwissender Erzähler nichts erkennen konnte. Doch: Psssst! Lauschen wir den Geräuschen: „Tapp Tapp Tapp“ „Dopp Dopp Dopp“ „Zischel Zaschel Zischeldizisch“ „PLOK!“ „GruAFF GruOFF!“

(Und so weiter und so fort…)

das KWEA

März2003

Die Überschrift zeigt schon, worum es geht – Erlebnisse, die leiderleider zum Glück nicht so traumatisch waren, wie dargestellt. Die aber im Zusammenhang mit den düster-kargen Nachkriegsgeschichten von Wolfgang Borchert, die wir in der Zeit im Deutschunterricht durchnahmen, schon einen schalen Beigeschmack hinterließen. Aus diesem Grund auch die deutliche Abkehr von meinem üblichen Stil. Der letzte Satz stammt übrigens aus einem der ausgelegten Hefte, in dem ein ranghoher Offizier zitiert wird.

Indirekt sollte die Kurzgeschichte eine Fortsetzung zu “Deutsche Bundeswehr – powered by emotions” werden – was es aber nicht wurde, da die entsprechende Ausgabe der Schülerzeitung nicht rechtzeitig wurde. Schade.

das KWEA

zwei mann saßen in einem raum. sie wussten nicht was geschehen würde. die wand war weiß und kalt. die männer hatten nur hemd und kurze hose an. ihre seelen hatten sie gut versteckt. einer der männer wurde herausgerufen. er ging ohne zurückzuschauen. aber nach vorne blickte er auch nicht. der andere mann blieb allein. er betrachtete die tapete. reines weiß. nur kleine erhebungen darauf sorgten für kleine hellgraue schatten die alle gleich aussahen. er sah auch zu den schränken. in einem war seine kleidung. weit weg und verschlossen. in einem stabilen alten schmalen holzschrank. er sah auf seine füße. extra sauber gewaschen. ganz sauber. auch sie froren. dann kam der mann in den nächsten raum gleich nebenan. eine dicke lächelnde frau in einem kittel führte ihn dorthin. sie nahm ihm lächelnd größe, gewicht und eine probe ab. sie testete mit einem lächeln und piepsenden tönen seine ohren. und brachte ihn lächelnd in den nächsten raum. wieder ein wartezimmer. wieder war es kalt und immer noch hatte er hemd und kurze hose an. hier konnte er in zeitschriften blättern in denen männern mit gleichen frisuren in gleicher kleidung immer das gleiche tun. sie stehen, sitzen oder liegen auf dem bauch. immer mit ernstem blick. mehr nicht. aber mit ernstem blick. der mann trommelte auf dem tisch und das echo war sehr laut. da hörte er auf. schließlich knarrte ein lautsprecher und sagte seinen namen. er sprach den namen wie eine nummer aus. darauf ging der mann in ein großes zimmer in dem zwei frauen saßen. die eine sprach und die andere tippte. die eine stellte viele fragen und die andere tippte die antworten. die eine betastete den körper des mannes und die andere tippte zahlen die die eine nannte. die eine verabschiedete sich und die andere nickte und tippte. der mann durfte sich anziehen. und gehen.

Währenddessen kramte er in seinem Inneren und fand seine Seele wieder, die er schon ein wenig vermisst hatte. Es ging ihr gut.

“wenn wir näheres wüssten, wären wir schlauer”

Laken-Man Episode II – Angriff der Clown-Krieger

Februar2003

Die Fortsetzung zu “Laken-Man”, die glücklicherweise kein billiger Aufguss der Handlung war. Tatsächlich hat hier das Wort “Handlung” schon eine etwas stärkere Berechtigung und viele der Wortspiele stehen nicht nur ihrer selbst willen im Text. Ist ja auch ganz schön.

Und vielleicht ist es jemandem aufgefallen: Auch hier sehen wir den Superhelden kein einziges Mal in Aktion.

Übrigens scheint hiermit die Zeit zu beginnen, in der ich diverse Filme bzw. ihre Stile kopierte bzw. parodierte – man denke nur an “Man lernt nur einmal”..

Laken-Man Episode II – Angriff der Clown-Krieger

Er hatte Angst. Denn er wurde verfolgt. Wahrscheinlich hätte er sich nicht unbedingt in einen kleinen Rassenkonflikt einmischen sollen – hier im tiefsten Ghetto. Aber kleine Jungs sind nun einmal so und Bradbury Taylor war ein kleiner Junge, also war er auch so. So weit, so gut. Gut und gern 40 Männer verschiedenster Hautfarben, Nationalitäten, Religionen, terroristischer Vereinigungen und auch Geschlechter verfolgten einen 11-jährigen Jungen mit Zahnspange. (d.h. der Junge hatte die Zahnspange) Schließlich kam, was kommen musste: Die aggressive Horde kam näher und Bradbury konnte nicht entkommen. Der Anführer, der wegen guter Führung vorzeitig um 6.00 Uhr entlassen wurde schnappte sich Klein-Taylor, holte aus und…

Bradbury schreckte schweißgebadet hoch: Wieder ein Alptraum, der ihn wie ein Gebirge bedrohte. Seitdem er richtig in der Annahme lag, dass er in der Lage war, sich in jeder Lebenslage in Laken-Man™ zu verwandeln, lebte er in Angst: Angst, dass ihn potenzielle Weltbeherrscher und andere Diebe um den kleinen Finger wickeln könnten. Was ihm in seiner lakigen Form durchaus passieren könnte.

Doch nun stand er auf, irgendwie musste er den schrecklichen Traum von eben besiegen. Oder bekämpfen. Oder besänftigen. Oder einfach vergessen, was vielleicht am einfachsten war.

Als er die Küche betrat, sah er eine Gestalt auf dem Stuhl gegenüber sitzen: „Mutter?“ fragte er, obwohl er wusste, dass sie viel kleiner war und auch nicht Handschuhe in der Küche tragen würde. Außerdem hatte sie gar keinen Schnurrbart. „Ey Kleiner, ich hab was gegen Superhelden wie dich. Ihr seid so lästig. Jungs!“ Der Typ machte eine Handbewegung, die Bradbury drei Jahre später vielleicht sehr zweideutig gefunden hätte. Doch nun spürte er nur noch, wie sich kalte unbarmherzige und doch angenehm parfümierte Finger um seinen Hals schlossen.
„Aargh!“
„Aargh!“
„Aargh!“
So langsam machte sich in Bradbury ein Gefühl breit. Eigentlich machten sich in ihm zwei Dinge breit, doch das Gefühl davon sagte ihm, dass er abermals aus einem Traum erwacht ist. So setzte er sich erst einmal auf. Auf seinen Hintern. So sah er nun auch diesen Typen, der neben seinem Donald-Duck-Aufsteller stand. So lustig das nun auch aussah, so blöd war, dass er eine Pistole auf Bradbury richtete. Und abdrückte.

Bradbury öffnete die Augen. Er erblickte die Zimmerdecke über sich. Wenn der letzte Traum ein Film gewesen wäre, überlegte er, hätte er ihn noch gar nicht sehen dürfen. Wäre ja noch schöner, wenn die FSK in seinen Träumen rumfuhrwerken würde. Vorsichtig ließ Bradbury seinen Blick durch den Raum schweifen. Nichts. Dann sah er sich um. Nichts. Dann sah er plötzlich, dass ein Mann neben ihm im Bett lag. Er hatte eine schwarze Sonnenbrille auf, was normalerweise ziemlich affig in einem Schlafzimmer gewesen wäre. Da Bradbury aber nur in taghell erleuchteten Räumen schlief, ergab es schon etwas mehr Sinn. „Junge“, begann der Mann in einer Stimme, die etwas von Dieter-Thomas Heck hatte. Doch vermutlich irritierte ihn nur der ZDF-Button des Mannes. „Ich weiß, wo dein Problem liegt und ich kann dir helfen. Aber du musst mir vertrauen. Spring aus dem Fenster.“ An sich hatte Bradbury gar keine Lust darauf, aber vor Jahren hatte er einmal einen Zettel in einem Glückskeks gefunden: „Wenn ein fremder Mann mit Sonnenbrille plötzlich in deinem Bett liegt, dann vertraue ihm!“ Also sprang er.

„Ich glaube, du bist bereit.“ Der sonnenbebrillte Mann nickte, als Bradbury die Augen aufschlug. „Ich glaube, du bist der Eine.“ – „…sie zu knechten, ins Schicksal zu treiben und ewig zu binden?“ – „Nein, das ist ein anderer Film. Also:“: Er streckte die rechte Hand aus. „Wenn du die Wahrheit und nichts als die Wahrheit erfahren willst, dann kauf entweder das doofe Buch oder nimm die blaue Pille. Ziehst du es vor, weiterhin in deiner Traumwelt zu leben, dann nimm die rote Pille. Möchtest du eine andere Traumwelt, wähle die grüne Pille. Wenn du einfach nur ungestört schlafen willst, nimm die weiße Pille. Soll dir jeder Kuchen gelingen, dann ist die gelbe Pille die richtige. Nimmst du die lila Pille, dann ziehst du vor bis auf Los und bekommst 4000 Euro. Die braune Pille schmeckt nach Salbei und ist gut gegen Halsschmerzen und Husten. Doch –“, seine Stimme wurde tiefer und bedrohlicher, „hüte dich vor der schwarzen Pille. Denn sie bedeutet das Ende. Hm, ist wohl besser, ich stecke sie weg. So. Welche Pille wählst du?“ Bradbury sah sich die verschiedenen stabförmigen Gebilde an, von denen ein geheimnisvollen Leuchten ausging. Er überlegte. „Hey, wo siehst du hin? Wähle von den Pillen!“ wetterte der Mann. Bradbury betrachte die Pillen. „Ich nehme die orange Pille!“ – „Sieh sie dir doch genau an: Es gibt keine orange Pille!“ – „Dann die schwarze!“ – „Die schwarze bedeutet doch das Ende, willst du das wirklich?“ – „Nein, dann doch lieber die blaue.“ Der Mann lächelte: „Dann kannst du die Wahrheit erfahren. Also-“ – „Krieg ich jetzt die Pille, oder wie?“ – „Die brauchst du nicht, die sind nur alle nur symbolisch. Also-“ – „Ich will aber die Pille! Ich will, ich will, ich WILL!!“ Der Mann stöhnte auf: „Dann nimm die Scheiß-Pille. Kann ich jetzt endlich anfangen? Ich muss heute noch ein paar Leute besuchen. OK, also: Die Welt die du kennst, ist nicht so, wie du glaubst. Tatsächlich nennen wir sie die ‚MATLIX’.“ – „Nicht ‚MATRIX’?“ – „Ich glaube, du siehst zu viele Filme. Die ‚MATLIX’ ist nämlich eine chinesische Erfindung, darum der Name. Und jetzt schlaf weiter.“ – „Bekomme ich nicht einen Auftrag oder so was?“ – „Nein, du wolltest nur die Wahrheit wissen und die hast eben erfahren. Gute Nacht!“

Sollte Bradbury „Laken-Man™“ Taylor einmal irgend etwas Interessantes erleben, steht es in der Schülerzeitung. Ansonsten auch.

2S *denn Bruno ist doof*

Die unfassbaren Abenteuer von Laken-Man

August2002

Der zweite Versuch einer abgedrehten Story nach der Schnuffelbärchen-Reihe. Initialzündung war der Kinobesuch bei Spider-Man und die Frage: Wovon könnte man als potenzieller Superheld noch so gebissen werden?

Man sieht auch recht deutlich, dass das mein einziges Konzept war: Ich halte mich ewig an der eher an Superman orientierten Vorgeschichte auf und eine Handlung im koventionellen Sinne zeichnete sich nicht gerade ab. Doch auch hier gab es wie beim großen Vorbild eine Fortsetzung

Die unfassbaren Abenteuer von Laken-Man

Die unfassbare Geschichte des unglaublichen Laken-Man beginnt in einer an sich relativ durchschnittlichen und vor allem überdurchschnittlich unbekannten amerikanischen kleinen Großstadt. Hier leben fünf bis sieben Millionen Einwohner, illegale Einwanderer und Männer mit hässlichen Schnauzbärten nicht mitgezählt. Hier in dieser Stadt, die trotz ihrer Unbekanntheit nicht ganz unwichtig für die Futtermittel- und Werbeindustrie war, begann das Schicksal von Bradbury Taylor seinen Lauf zu nehmen. Natürlich erst, nachdem er selbst laufen gelernt hatte.

Doch wenn man ehrlich ist, dann begann die unfassbare Geschichte des unglaublichen Laken-Man nicht in dieser US-Stadt, deren Name bisher nicht ein einziges Mal erwähnt worden ist, sondern in dem fernen Sternensystem Versil, deren dritter Planet auf den Namen Lakia hörte. Nun, der Planet hörte nicht wirklich auf diesen Namen. Aber wer würde schon gerne den Befehl „Lakia, Platz!“ ausprobieren, wenn dadurch eine Bevölkerung von mehreren Millionen Laken in Gefahr gebracht werden würde? Eben.

Zurück zur Geschichte:
Die Lakianer hatten eine glückselige Zeit unter der Regierung des großen Himmelbetts erlebt, das sie aus den doch recht primitiven Zuständen unter der Holzpritsche herausgeführt hatte. In großen Zeitschriften ging man nun auf Probleme der Bevölkerung ein, wie etwa „Mein Sohn will unbedingt ein Kissenbezug werden, was kann ich tun?“ Doch auch diese erfreuliche Zeit, in der wunderschöne Dinge wie Weichspüler erfunden und die Ehe zwischen Gleichgewebten erlaubt worden sind, ging zuende. Die große unheimlich unbequeme Matratze errichte eine Quasi-Diktatur, da alle Minister Wasserbetten und somit höchst bestechlich waren. Die Matratze gründete weiterhin eine Armee von Spannbettlaken, an deren Standfestigkeit niemand rütteln konnte. Optimisten hofften, die Matratze würde irgendwann einmal einen weichen Federkern zeigen. Doch man merkte, dass man sich besser nicht besser auf sie rauf- oder mit ihr anlegen sollte.

Auch Hubert und Elfriede Platt hatten Angst. Nicht unbedingt vor der großen Matratze, sondern eher vor der baldigen Zerstörung ihres Planeten, die durch die Angst vor der großen Matratze in kleine Randnotizen in der Tageszeitung verschwand. Aus diesem Grund erfanden die Platts mit ihren Nachbarn die Raketentechnologie, um entkommen zu können. Doch die Zeit reichte nur für eine kleine Reisekapsel, in der Jochen, Sohn von Herrn und Frau Platt, seine Reise antreten konnte. Als Ziel suchte man den einzigen Planeten aus, auf dem die Lebensverhältnisse für Laken akzeptabel waren: Der vierte Planet des Sol-Systems.

Auf der Erde hatte unterdessen Bradbury Taylor gelernt zu laufen, sodass das Schicksal nun die einmalige Gelegenheit erhielt, es ihm gleichzutun. Von all den furchtbaren und in den Augen von Menschen auch unfreiwillig komischen Ereignissen auf Lakia hatte Bradbury nichts mitbekommen. Das würde aber auch äußerst unglaubwürdig sein.

Bradbury war mit seiner Mutter einkaufen gegangen an diesem sonnigen Vormittag, der aber genauso grau aussah wie jeder Vormittag um acht Uhr, da der Berufsverkehr um diese Zeit zu einer undurchdringlichen Smog-Wand führte. Das war aber nicht der Grund für Bradburys überaus traurigen Gesichtsausdruck, der ihm in einem entsprechend finanziertem Film zumindest eine Oscar-Nominierung eingebracht hätte. Nein, seit dem Tod seines Vaters machte er sich fast immer Vorwürfe und wollte die Welt in einen besseren Ort verwandeln. Seine Mutter war immer der Meinung, dass es schon reichen würde, wenn er ihr irgendwann die Kaution bezahlte, die sie für ihn hinterlegt hatte. Aber wenn er die Welt tatsächlich in einen besseren Ort verwandeln sollte, würde sie sich ihm nicht in den Weg stellen.

Das nachmittags hoffnungslos überfüllte Einkaufszentrum war an den frühen Vormittagen geradezu leer. Leer von den Massen Teenagern, die an den Nachmittagen das Zentrum bevölkern. Dafür umso voller von Rentnern, so dass es für einen oberflächlichen Statistiker kaum einen Unterschied zwischen Vor- und Nachmittag gab. Glücklicherweise recherchierte für diesen Rückblick ein sehr arbeitsversessener Statistiker, sodass wir über diese äußerst aufschlussreiche Information verfügen. Darum nochmals vielen herzlichen Dank an Herrn Dohlmann aus Oberschöneweide.

Zurück zur Geschichte:
Zwischen all jenen Rentnern und vereinzelten Jugendlichen, die nicht gemerkt hatten, wie spät es schon war, drängelten sich Mrs. und Bradbury Taylor, um das Bettengeschäft zu erreichen. Es war an der Zeit, ein neues Laken für Bradbury zu erwerben, warum – das ist bis heute ein Mysterium. Während einige Menschen von Vorbestimmung sprechen, fassen dies andere als Beleg für Bradburys Veranlagung für Inkontinenz auf. Überlassen wir die Findung der richtigen Version den Anwälten und Ärzten.

Mrs. und Bradbury Taylor betrachteten die angebotenen Laken und wie aus heiterem Himmel (der ja nicht gerade heiter war, wie der geneigte Leser mitbekommen haben mag) drehte sich Mrs. Taylor zu Bradbury um und begann etwas tadelnd: „Well,…“ Denn wie gesagt, findet das Geschehen in einer amerikanischen Stadt statt. Und einige Ausdrücke möchte Mrs. Taylor trotz intensiver Übersetzung nicht ablegen. Das heißt, nach einem kurzen Gespräch mit dem Lektor entscheidet sie sich, nur noch einen amerikanischen Akzent durchblicken zu lassen, der aber in der vorliegenden Schriftfassung vollständig verschwindet.

Mrs. Taylor drehte sich also um und begann etwas tadelnd: „Ähm,..“ Doch Bradbury setzte wieder einmal diesen völlig geheimnisvollen Gesichtsausdruck auf, bei dem man nie wusste, welches Gefühl er da nun eigentlich zeigte. Seine Mutter wusste nur, dass sie ihm in solchen Momenten nie böse sein konnte. Selbst wenn er auch sie töten würde, sie würde ihm immer noch jeden Wunsch von den Lippen ablesen. Das heißt, wenn sie es dann noch könnte.

Bradbury drehte sich schnell wieder um. Vielleicht, weil ihn sein eigener Gesichtsausdruck langweilte und er nicht seine eigene Mutter angähnen wollte. Vielleicht, weil es dem Leser langweilig wurde von solchen Hypothesen und Bradbury ihn durch ein wenig Action wachrütteln wollte. Jedenfalls wühlte er nun in dem Korb mit preisreduzierten bzw. Second-Back-Laken herum, als ihn ganz unerwartet, völlig plötzlich und sowieso letztendlich überraschend etwas biss. Er selbst sollte vorerst nicht erfahren, was ihn in seine Hand gebissen hatte. Aber um den Leser nicht auf die Folter zu spannen (es sei denn, es gehört zu seinen Freizeit-Aktivitäten), verraten wir nun den Grund für den Biss: Es war Jochen, das verirrte Babylaken, das in der Erdatmosphäre sämtliche Fähigkeiten zum aktiven Handeln verloren hatte. Äußerst interessante Umstände, die eine interessante Rahmenhandlung für eine Gesellschaftssatire (mit Tom Hanks und Uschi Glas in den Hauptrollen) ergeben hätten, brachten Jochen in dieses Bettengeschäft. Hier musste er sich einen Korb mit relativ leichen Tüchern teilen. Darum (aber auch aus Gründen, die dreidimensionale Wesen allerdings nie verstehen könnten) biss er Bradbury sehr schmerzhaft in die Hand.

Es hätte eine so schöne Freundschaft werden können.

Stattdessen kam Bradbury seinem Wunsch (Die-Welt-verbessern®) ein Stück näher: Er sollte sich ohne Wissen seiner Verwandten verwandeln: Er wurde zu Laken-Man™, dem einzigen Superhelden, der auch nach einem lebensgefährlichen Kampf gegen den dreckigen Abschaum dieser Welt aussieht wie frisch gewaschen.

Freuen Sie sich auf „Die unfassbaren Abenteuer von Laken-Man“! Bald im Kino, als Roman, als Computerspiel, als Comic, als Ü-Ei-Figur, als verführerische Unterwäsche-Kollektion und mit seiner ersten Single „Hang Around“.

Und vielleicht sogar in dieser Schülerzeitung.

2S – Geschmack braucht kein Protein

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