Der Fuchs und der Hase

Wer sich immer schon einmal gefragt hat, was wir in unserer Mittelaltergruppe eigentlich so sinnvolles tun: Eigentlich nichts. Stattdessen viele Albernheiten – so wollte eine Freundin bei einer mehrtägigen Veranstaltung unbedingt eine Gute-Nacht-Geschichte von mir hören, in der ein Fuchs, ein Hase und eine Schlange vorkommen. Tatsächlich scheint das recht erfolgreich gewesen zu sein, immerhin ist sie ziemlich schnell eingeschlafen. Da sie dann doch noch die ganze Geschichte wissen wollte und mir das auch ziemlich viel Spaß gemacht hatte, habe ich mich danach rangesetzt und die Story aufgeschrieben. Natürlich konnte ich mich nicht mehr an alle Details erinnern, aber zumindest der Anfang sollte immer noch zum Einschlafen geeignet sein. Der Rest ist, nun, ziemlich frei improvisiert.

Und weil es ziemlich ausgeufert ist, gibt es die Geschichte in kleinen Häppchen: An jedem Sonntag erscheint ein weiterer Teil – schöne Weihnachten also da draußen!

Der Fuchs und der Hase (Teil 1)

Die ausgefuchste Geschichte eines blutenden Anfängers

Dumpfe Luft hing herum. Sie machte sich breit in einem Raum, in dem es an artgerechter Haltung dümpfer Lüfte nicht mangelte. Denn es handelte sich um das kaum mit Sauerstoff kontaminierte Büro von Detektiv Fuchs, einem mittelalten, mittelgroßen und auch sonst kaum auffälligen Fuchs in Trenchcoat. Die Detektei hatte er vor einiger Zeit vor allem aus diesem Grunde gegründet – wo sonst kann man bzw. fuchs einen Trenchcoat tragen und wird deswegen nicht schief angeschaut? Doch es gab auch andere Gründe, die hier ebensowenig zur Sache tun. Da wäre etwa die Sache mit dem Jobcenter, deretwegen er mit seinem Einkommen kaum noch auskam und und bekam erst seit der Detekteigründung ausreichend Geld – und zwar soviel, dass er sich sogar einen Wechsel-Trenchcoat hätte leisten können, wenn er sich nur für eine Farbe entscheiden hätte können. Das Leben denkt sich manchmal nicht viel mit seinen Höhen und Tiefen, lernte er. Und wenn doch, dann wollte er gar nicht wissen, was das für Gedanken sein mögen.

Dumpfe Luft hing also im Büro der Detektei und Detektiv Fuchs hing in dem ausgetretenen Bürostuhl, den er günstig auf einer Auktion erstanden hatte. Es konnte ihm zwar niemand sagen, wieso ein Stuhl ausgetreten sein konnte, aber er hatte auch nicht gefragt. Fuchs war hier, weil man das von ihm als Inhaber des Büros erwartete und mehr tat er auch nicht: er wartete. Denn seit der Eröffnung, Einrichtung und dem großen Umräumen vor zwei Wochen war niemand gekommen, um seine Dienste in Anspruch zu nehmen. Dabei hätte er dies allzu gerne getan, denn dann er hätte er endlich herausgefunden, was das eigentlich für Dienste waren, die er anbot. Damit kam er in das uralte Dilemma aller jungen Anfänger im Detekteiwesen, das Neugründungen auf diesem Gebiet zu einem schwierigen, aber durchaus riskanten Unternehmen werden lässt. Doch Detektiv Fuchs ließ sich von derlei Problemen nicht abschrecken, indem er schlicht nicht von ihnen wusste. Er hätte sich über jeden gefreut, der die Bürotür öffnete – allein schon, um etwas von der abgehangenen Luft nach draußen befördern zu können. Denn inzwischen fragte er sich schon, ob es sein Schicksal sein werde, an seinem eigenen Kohlendioxid ersticken zu müssen, der in Kooperation mit seinem eigenen Zigarettenrauch und mit Unterstützung der geschlossenen Fensterläden für jene dumpfe Luft verantwortlich zeichnete? Während er darüber nachdachte, nahm er einen tiefen Zug aus seiner Zigarette.

Während er so darüber nachdachte, ob auf dem Nachdenken auch Taten folgen sollten und wie diese im Falle einer positiven Entscheidung aussehen sollten, sah er einen Schatten auf den matten Milchglasscheiben der Bürotür. Milchglasscheiben hatte er als stilecht für eine Detektei wie die seine empfunden, die man später vielleicht als renommiert bezeichnen würde, aber jetzt ärgerten sie ihn und steigerten seine Spannung zwar nicht unbedingt ins Unermässliche, aber schon in eine ermässliche Größenordnung, die er gerade in diesem Moment nicht wirklich ausmessen wollte. Wer mochte dies auf der anderen Seite sein? Er wusste es nicht, doch bereits den Bruchteil einer Sekunde später öffnete sich die Tür. Das Warten, so kurz und harmlos es für den Außenstehenden  auch gewesen sein musste: Nun hatte es endlich ein – wenn auch vorläufiges – Ende.

Detektiv Fuchs versuchte die Aufregung, die mit dem ersten Besuch seines Unternehmens verbunden war, zu verstecken. Was ihm nicht schwerfiel, denn just in diesem Moment fiel ihm ein, dass er an diesem Morgen offenbar völlig vergessen hatte, das Gas seines Herdes abzudrehen. Welch schreckliche Folgen konnte dies haben! Und alles nur, weil er wieder einmal zu spät aufgestanden war, unbedingt noch seine heiße Milch trinken wollte und keinesfalls zu spät zur Arbeit kommen wollte, obwohl er ja alleine arbeitete und niemand sein Zuspätkommen bemerkt hätte. Und dabei hatte er wohl völlig das Gas vergessen, das inzwischen fröhlich seine Wohnung bevölkern mochte. (Nichtsdestotrotz können wir an dieser Stelle dem geneigten Leser, der geneigten Leserin versichern, dass das Gas keine schlimmen Folgen haben würde.) „Entschuldigen Sie, dass ich so unangemeldet hereinplatze, doch Sie sind meine letzte Hoffnung“, vernahm Detektiv Fuchs die aufgeregte und durchaus aufregende Stimme einer Frau. Einer menschlichen Frau, wie er fachmännisch feststellte. Schade eigentlich, aber in seiner augenblicklichen geschäftlichen Situation konnte er wohl kaum wählerisch sein. So zog er seinen Schlapphut zurück, blinzelte ihr zu und meinte: „Kein Problem, dafür bin ich ja da.“ Ein Standardsatz, der ihm bereits in der Einführung zu „Gedroschene Phrasen für Detekteien jeder Größenordnung“ empfohlen worden war. Weiter war er allerdings nicht gekommen. „Wie kann ich Ihnen denn helfen?“, improvisierte er deswegen. Die Frau setzte sich auf den Stuhl gegenüber des Schreibtisches: „Ich bin hier wegen des Hasen. Er ist nicht mehr da.“ Fuchs nickte. Er wusste: Wenn er nickte, erzählten die Leute weiter, er musste nicht nachfragen und konnte seinen eigenen Gedanken nachhängen. „Heute morgen war er noch da, saß in seinem Käfig und mümmelte vor sich hin. Und vorhin war er dann plötzlich verschwunden – bitte, Sie müssen mir helfen!“ „Helfen!“ Fuchs schreckte bei diesem Wort hoch, aber nur, weil er zunächst etwas anderes verstanden hatte. Doch dann wurde ihm die ganze Tragweite dieses Auftrags bewusst. „Sie haben also einen Auftrag für mich?“ Die Finger der Frau griffen verkrampft um ein Taschentuch, das sie werweißwoher geholt hatte. „Ja. Bitte suchen Sie meinen Hasen und ich werde Sie angemessen entlohnen.“ Er hatte dies befürchtet, aber es gab nun kein Zurück mehr: „Haben Sie denn irgendwelche Hinweise für mich? Was hat er in seiner Freizeit getan? Hatte er schlechten Umgang? Und hatte er…“ Der Detektiv verzweifelte, weil er das letzte Wort auf seinem Merkzettel nicht lesen konnte. „Alles, was ich habe, ist bei mir“, unterbrach ihn die Frau, die er immer noch nicht nach ihrem Namen gefragt hatte, doch er hatte wohl den passenden Zeitpunkt verpasst. „Sehen Sie hier“, sie griff in ihre Handtasche und zog ein Frottee-Handtuch heraus. „Das ist alles, was mir von ihm geblieben ist. Das und sein Käfig, aber Sie werden verstehen, das ich den nicht hierher tragen wollte.“ „Selbstverständlich.“ Detektiv Fuchs griff nach dem Handtuch, warf einen fachkundigen Blick darauf und schaute es sich dann an. Nach einigem Drehen und Wenden fand er schließlich einen kleinen Schriftzug, der auf einen größeren direkt daneben verwies: „Städtisches Schwimmbad Badstraße, Kreuzung Losstraße.“ Der Detektiv machte das fuchsische Äquivalent eines Grunzen, für das es kein Wort gibt. „Ich habe eine Spur. Kommen Sie morgen um diese Zeit hierher und ich weiß mehr. Mal sehn.“ Die Frau bedankte sich und ging. Der Fuchs zündete sich eine Zigarette an.

Fortsetzung folgt…

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