Literatur fürs Volk

Wieder ein Text für die UnAufgefordert, diesmal eine recht spontane Notlösung, da der Kulturteil noch ohne Artikel war. Also begaben wir uns in den Untergrund der Lesebühnen — wir, heißt: Zusammen mit Lena und Bernhard entstand diese… nunja… Widerspiegelung unserer Position, die leicht zuungunsten der Lesebühnen ausfiel.

Literatur fürs Volk

Lesebühnen sind eng und stickig, die Autoren sind weitgehend unbekannt und erzählen Banalitäten aus ihrem Alltag. — Trotzdem sind sie extrem beliebt, gerade im Winter. Ist es die Vergänglichkeit der Augenblickskunst, der großstädtische Prollcharme der Darbietung, oder doch nur die Tatsache, dass gerade nichs im Kino läuft? Viele Fans lassen sich weder von der aggressiven Eigenwerbung in Sachen Bücher und CDs abhalten, noch davon, dass alle Sitzplätze eine halbe Stunde vor Beginn schon vergeben sind. Sie lieben die Spannung: Ist heute mal wieder ein humoristischer Geniestreich dabei, der zehn Folgen Harald Schmidt in den Schatten stellt? Welches hoffnungsvolle Talent wird sich dieses mal am offenen Mikro lächerlich machen? Werde ich danach bei der Disko die Liebe meines Lebens kennenlernen? Der harte Kern der Fans hat ein Herz für die alternative Vorlesekultur, die abseits des übersatten Buchmarktes das zum Vortrag bringt, was bei renommierten Verlagen nicht mal die Praktikanten lesen würden.

Um in die Berliner Lese-Szene einzusteigen, eignet sich das „Kantinenlesen“ in der Kulturbrauerei. Hier lesen jede Woche andere Autoren, die sonst auf verschiedenen eigenen Lesebühnen zuhause sind. Die Garderobe am Eingang, das größtenteils Bafög-unabhängige Publikum und das gediegene Ambiente wecken höchste Erwartungen an das selbst erklärte „Gipfeltreffen der Berliner Lesebühnen“. Mit Themen wie Kindersorgen und Tod trifft die Veranstaltung jedenfalls den Nerv vieler ihrer Zuhörer.

In der deutlich abenteuerlicheren Umgebung des RAW-Tempels findet die „Chaussee der Enthusiasten“ statt. Die guten Plätze in der zugigen Scheune sind dabei die Sofas vom Sperrmüll. Wer allzu spät kommt, darf sich aber auch vorne auf die Bühne setzen, um die „schönsten Schriftsteller Berlins“ zu bewundern. Für Schreibwütige, die eine öffentliche Plattform suchen, bieten die Enthusiasten ein offenes Mikro unter dem Motto „Mach mit, mach’s nach, mach’s besser“ an.

Dicht um die wenigen Café-Tischchen gedrängt sitzt man in der kleinen Tanzwirtschaft Kaffee Burger, wenn die „Reformbühne Heim & Welt“ zusammentritt. „Jeden Sonntag nach der Tagesschau“ lesen seit inzwischen zehn Jahren unter anderem solche Berühmtheiten wie Ahne („Zwiegespräche mit Gott“) und Jakob Hein („Mein erstes T-Shirt“). Mit Daniela Böhle gehört ausnahmsweise auch mal eine Frau zur Stammbesetzung. Nach dem literarischen Teil werden die Bierbänke beiseite geschafft, um dem Tanzvergnügen Platz zu schaffen.

Die größte Publikumsdichte auf kleinstem Raum bietet allerdings „Liebe statt Drogen“ im Keller des Zosch. Gleich hinter den Toiletten und dem Kickertisch befindet sich der schmaler Tunnel, der LSD beherbergt. Seit bereits neun Jahren fühlt sich das Programm vor allem dazu verpflichtet, doppelt so viele Pausen wie die Konkurrenz anzubieten; Denn Pausen seien ja bekanntlich immer das Schönste, ob bei der Arbeit, in der Schule oder beim Sex. Das Liedermacher-Duo Ivo und Sascha unterstützt die Autoren musikalisch.

Ebenfalls abwechselnd mit Musik (Surf-Musik von Ltd. Surf) tragen die Surf-Poeten ihre Surfliteratur vor. Gelegentlich spielen sie ihre Texte auch als Live-Hörspiele vor. Wer den verrauchten Smog im unterirdischen Mudd-Club nicht scheut, darf sich zurecht auf einen „Abend der Liga für Kampf und Freizeit“ freuen. Die Poeten raten übrigens dazu, die Getränke selbst mitzubringen. Die seien im Mudd-Club einfach zu teuer.

Eine Gruppe, die selbst für eine Lesebühne ziemlich unbekannt und fast ein Geheimtip ist, bilden die „Erfolgsschriftsteller“, die lange Zeit im Keller des Bergwerks (Bergstraße) auftraten. Dort waren sie zusammen mit der Bewirtschaftung ihrem Publikum nicht selten zahlenmäßig überlegen. Inzwischen sind sie in den Schokoladen umgezogen, wo Mitmachspiele, Tombola und Live-Musik mit Karaokekönig Thilo Bock zum festen Programm gehören.

Der tatsächliche Erfolg der „Erfolgsschriftsteller“ und ihrer Kollegen liegt zweifellos im Bereich des Humors, reich wird damit niemand. Das heißt aber nicht, dass man sie nur aus Mitleid besuchen sollte. Für den unwahrscheinlichen Fall, dass doch mal ein „Surfpoet“ oder eine „Erfolgsschriftstellerin“ den Durchbruch schaffen sollte, kann man behaupten: Ich hab’s schon immer gewußt!

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