Der Traum vom Radio

Manchmal verstehe ich die Schlussredaktionen der UnAufgefordert nicht. Mag es der Liebe zum eigenen Werk geschuldet sein, aber die Überarbeitung des Textes zum Uniradio der TU ging ja wohl völlig daneben.

Für die veröffentlichte Fassung wurden jedenfalls die verträumt-hochgreifenden Stellen herausgestrichen. Dabei waren sie wichtig für die Aussage des Textes. Und wieso wurden eigentlich die Sätze auf Grundschulniveau vereinfacht?

Der Traum vom Radio

Ein bisschen steigern wir uns da rein.“ Die Tutoren und die Tutorin vom Campusradio der TU beschreiben mit leuchtenden Augen ihr Projekt. Tatsächlich verbringen Andreas Rotter, Hanna Hofmann und Robert Damrau jede freie Minute im Sendestudio, sind wöchentlich 70 Stunden in der Uni. In Raum H108/109, einem kleinen Kabuff zwischen zwei Hörsälen im Hauptgebäude arbeiten sie an Beiträgen und warten auf die Redaktionen, die im letzten Jahr eingestiegen sind.

Ein kleines Licht an der Decke leuchtet, unten klingelt jemand an der Tür. Es ist Ralf Baumbach, Initiator des Projekts. „Wir stehen auf den Schultern von Giganten!“ sagt er über das Campusradio und meint nicht das Streikradio, das 2003 einmal gesendet worden ist; er geht weiter zurück: „Beim Streik 1987 wurde ein Piratensender auf dem Dach vom Telefunkenhochhaus installiert.“ Da war noch Kalter Krieg und die West-Berliner Polizei durfte das Haus am Ende der Straße des 17. Juni nicht betreten.

Das Campusradio braucht sich über den Einsatz amerikanischer Soldaten keine Gedanken machen: Für das Internetradio reicht ein Server zur Übertragung des Streams und von der TU wird es als Projektwerkstatt unterstützt. Ihr Konzept und das Empfehlungsschreiben von Kommunikationswissenschaftler Stefan Weinzierl hatte die Komission für Lehre und Studium überzeugt, die Tutoriumstellen wurden im Sommersemester 2005 eingerichtet. D.A.V.I.D., die Firma eines TU-Alumnus verkaufte günstig das professionelle „DigaSystem“ – nun steht inmitten der 1968 eingerichteten Räume eine Software- und Hardware-Infrastruktur wie bei öffentlich-rechtlichen Sendern zur Verfügung. Interessierte finden sich ein, bilden verschiedene Redaktionen und machen sich mit der Technik vertraut, entwerfen Konzepte.

Am 25.11. wird die erste Sendung live produziert. Diese halbe Stunde erhielt gute Kritik, obwohl es „eigentlich nur Eigenwerbung“ war, wie Robert meint. Seitdem entstanden zwei weitere Beiträge: das Nachrichtenmagazin „Blätterrauschen“ und „Oszillator“, ein Magazin über elektronische Tanzmusik. Andreas und Robert sind dafür zuständig und stören sich an der anspruchslosen Musik im Berliner Radioangebot. Die anderen Studi-Redaktionen planen mit Literaturmagazin, Fußballsendung, Demotapes, Kultur, Kochsendung und Beiträgen über das Studieren im Ausland ein recht vielfältiges Angebot.

Wenig wurde bislang gesendet, mediales Interesse für das Campusradio aber ist vorhanden: Die Pressestelle der TU brachte im Dezember einen großen Bericht; die taz schrieb schon im August und auch das Stadtmagazin tip hat angefragt. Das frühe Interesse ist den Beteiligten aber unangenehm – zuerst wollen sie ein gutes Programm auf die Beine stellen. Doch dafür ist die Unterstützung der Redaktionen nicht konsequent genug. „Wir wehren uns aber noch gegen einen Redaktionsschluss – das soll schließlich so frei wie möglich ablaufen“, fasst Andreas das Dilemma zusammen. Sechs Leute bilden derzeit den festen Kern, der Rest ließ sich im neuen Jahr noch nicht blicken. Ohne engagierte Studis kann Hanna aber nicht ihre Kultursendung weiter führen.

Die Planungen gehen trotzdem weiter: Hanna bietet Dienstags ein Tutorium zum „Schreiben und Sprechen im Radio“ an, was wiederum Andreas und Robert zu einer Technikeinführung anregt. Ralf plant spontan eine Arbeitsecke für die Redaktionssitzungen am Mittwoch, bis schließlich entschieden wird, dass eine große Sitzung nur noch einmal im Monat sinnvoll ist. Ein Vertrag mit der GEMA soll die Beschränkung auf frei spielbare Musik aufheben. Und als Andreas erneut die Anspruchslosigkeit der Radio-Eins-Musikauswahl bemängelt, hat Ralf eine Idee: „Wir werden dich als Nachfolger von John Peel aufbauen.“

Ein bisschen reinsteigern“, das verlangen sie letztlich von allen, die das Projekt mitgestalten wollen. Vielleicht geht dann auch ihr Traum in Erfüllung: Ein offenes Radio, das von Studierenden vieler Fachbereiche gestaltet wird.

Campusradio in der TU, H108/109 im Hauptgebäude an der Straße des 17. Juni 135
www.campusradio-online.de

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