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Das gekaufte Leben

So kommt man in den Genuss eines Studiengangs, der normalerweise mehrere tausend Euro pro Semester kostet: Man schreibt einen Artikel darüber. In dem Masterstudiengang „Leadership in Digitaler Kommunikation“  ging es um die Bedeutung von Second Life für Werbung und Kommunikation in und für unsere Welt. Second Life? Gibts das noch? Auch nicht schlecht: Die UnAufgefordert hat aus meinem Text gleich zwei Texte gemacht! Warum mein eigener Text als Zitat zur Überschrift wurde, werde ich aber nie verstehen…

Doppelleben: Während sich unser Autor in der Universität der Künste über Second Life informiert, erkundet sein Alter Ego die digitale Welt auf eigene Faust. Das Ergebnis ist ernüchternd.

Das gekaufte Leben

Second Life“ ist in aller Munde: Deutsche Medien haben vor kurzer Zeit den dreidimensionalen Online-Treffpunkt für sich entdeckt, neu ist der trotzdem nicht: 2003 startete das US-Unternehmen Linden Lab das Projekt, das den Nutzerinnen und Nutzern ermöglicht, eine eigene virtuelle Identität aufzubauen und das Aussehen der digitalen Welt mitzugetalten. Am Anfang gab es 1000 Anmeldungen, mittlerweile sind es sechs Millionen weltweit, Tendenz steigend.

Am Anfang meines Selbstversuchs in Second Life muss ich eine künstliche Figur erschaffen, den sogenannten Avatar. Dabei werden mir vielfältige Möglichkeiten angeboten zu Körper, Gesicht und Kleidung. Ein Regler dorthin geschoben und ich werde schlank, einen Knopf dort gedrückt und mein Gesicht erstrahlt vor Schönheit. Natürlich nur das Aussehen meiner Anziehpuppe. Unbegrenzte Möglichkeiten, die über das Aussehen eines neuen Lebewesens entscheiden. Schließlich erschaffe ich Rieke, eine leichtbekleidete Frau. Wenn schon ein zweites Leben, dann richtig.

Die reale Welt hält Einzug in Second Life. Die Botschaft Norwegens einen Platz gefunden, ebenso wie … Auch einige amerikanische Universitäten sind zu finden: Die juristische Fakultät der Havard University bietet Veranstaltungen in der digitalen Welt an, beispielsweise zum Thema „Politics and Technology of Control“. Die Diskussion erinnert mehr an einen Chat als an eine wissenschaftliche Diskussion: Personen mit fantasievollen Namen tauschen kurze Sätze aus, Tippfehler inklusive. So fragt Chinadoll Lulu: „Is this life?“ Und berichtigt sich kurz später: „Live?“

Meine ersten Gehversuche in Second Life verbringe ich recht einsam — die Kulisse bildet ein kahles Ghetto mit brennenden Mülltonnen, auf Straßenschildern wird die Bedienung erklärt. Da entdecke ich ein Gefährt. Einen Roller, aber immerhin kann ich Rieke nun schneller bewegen. Doch mir kommen Zweifel — was, wenn mich der Besitzer entdeckt? Schnell steige ich ab und klicke ratlos auf die Straße, Rieke setzt sich auf den Asphalt. Schließlich finde ich heraus, wie ich mein anderes Ich fliegen lassen kann. Über die Suchfunktion kann ich die Welt von Second Life erkunden, was mich ohne Reiseführer recht ratlos vor dem Suchfeld sitzen lässt.

In Deutschland zählt das Institute of Electronic Business zu den Vorreitern bei der Integration von Second Life in die Lehre. Das Institut ist der Berliner Universität der Künste (UdK) angegliedert und wird durch Wirtschaftsmittel finanziert. Im Masterstudiengang „Leadership in Digitaler Kommunikation“ wird die virtuelle Welt miteinbezogen. So bietet ein Professor eine virtuelle Studienberatung an und ein Projekt mit dem Titel „Mein digitales Fest“ kann für Second Life erstellt werden. „Auf eine virtuelle Vorlesung haben wir bewusst verzichtet“, so Daniel Michelis, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts. Vom großen Medieninteresse sei man überrascht gewesen: Als virtuelle Infoformationsstunden zum Studiengang angeboten wurden, kamen neben neugierigen Second-Life-Usern nur Journalistinnen und Journalisten. Die Bewerber blieben aus.

Schließlich lasse ich Rieke zum Alexanderplatz teleportieren. Der ist im wirklichen Leben nur ein paar Haltestellen entfernt, aber selten in solcher Stille zu erleben. Ein Klick und der Fernsehturm ragt vor einem perfekten Sonnenuntergang auf. Erstellt wurde das digitale Abbild von zwei Berliner Studenten, erfahre ich an einem Schild. Wäre das nicht eine geeignete Zukunftsaussicht für Rieke: Programmiererin, Künstlerin und Erschafferin einer neuen Welt? Während ich über die Möglichkeiten meines zweiten Lebens sinniere, fallen mir riesige Werbeplakate und Händler auf, die für „LindenDollars“ ihre digitalen Produkte feilbieten. Andere Orte zeigen ein ähnliches Bild: Meterhohe Reklamewände werben in der Regel für Produkte aus dem „First Life“, wie hier das reale Leben genannt wird. Wo keine Werbung ist, machen rote Schilder darauf aufmerksam, dass Werbefläche zu vermieten ist.

Unternehmen sind an Second Life interessiert und kommen auf uns zu“, sagt Daniel Michelis. Sie wollen den Marketingeffekt nutzen, als erste ihrer Branche in Second Life zu agieren. Es wird genutzt, um Produkte auszutesten, bevor sie in der realen Welt angeboten werden — bei Handys und Turnschuhen wurde dies bereits getan. Tatsächlich wird wirtschaftlicher Einsatz von Linden Lab gefördert, die Website führt die Umsätze der hauseigenen „LindenDollars“ ebenso an wie die von echten Dollars. Doch virtueller Handel hat seine Tücken, wie Michelis zu berichten weiß: Ein deutscher Stromanbieter bot seinen virtuellen Besuchern Rucksäcke an, die Geld bringen, wenn sie von anderen Personen angeklickt werden. Genervte Avatare demonstrierten daraufhin in der Second-Life-Repräsentanz des Unternehmens. Das daraufhin in Second Life darüber sprechen wollte, doch Michelis stellt fest: „Die Diskussion am Runden Tisch war nicht brauchbar.“ Einerseits konnte er, der als Experte geladen war, dem Chat nicht folgen, andererseits fühlte er sich mit seinem Outfit unwohl zwischen den Anzugträgern. Dennoch sieht er die an Second Life Beteiligten als Pioniere und zitiert eine Prognose: „80% der aktiven Internet-Nutzer werden 2011 ein virtuelles zweites Leben führen.“ Zur Zeit sind laut Angaben von Linden Lab etwa 20.000 der 6 Millionen Avatare gleichzeitig online.

Wohin ich auch gehe: Werbung, Spielhallen und Konsum. Beim Aktivieren des „mature content“ offerieren die beliebtesten Ort noch ganz anderen Konsum, der selbstverständlich seinen Preis hat. Was fehlt, sind Kontakte mit anderen Menschen: Ein Avatar wollte Rieke mit einem Bulldozer überrolle, ansonsten geschah nicht viel. Ob das Pioniergeist ist, weiß ich nicht. Ich frage mich nur, ob wir uns auch ein selbstgewähltes zweites Leben nicht ohne Geldausgeben und allgegenwärtiger Reklame vorstellen können. So gesehen ein großes Spielfeld für Soziologie-Studierende, denn hier ist jeder schön oder extravagant. Oder beides. Auch Wirtschaftswissenschaftler werden an der umfassenden Wirtschaftswelt ihre Freude haben. Einen UdK-Campus in Second Life gibt es übrigens nicht, die Veranstaltungen fanden nur temporär statt.
Mein zweites Ich, eigentlich zu ewigwährender Schönheit erwählt, hat jedenfalls den digitalen Tod gefunden.

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