Jud Süß – Film ohne Gewissen” (Rezension)

Bei der Berlinale 2010 war auch zu sehen: Ein Film über den Film “Jud Süß”. Für ein Referat hatte ich mich bereits mit dem Werk von 1940 beschäftigt und auch die Vorberichte zur neuen Verfilmung betrachtet. Nun also meine Rezension zu einem Film, der durchaus Brechreize bei mir ausgelöst hat.

Jud Süß – Film ohne Gewissen”

Und zum Schluss der Berlinale basteln wir uns einen Propagandafilm: Oskar Roehler weiß, wie’s geht.

Mit „Jud Süß“ hat Regisseur Veit Harlan 1940 gezeigt, wie man Antisemitismus in einen Propagandafilm packt. Man braucht dazu erstens ein paar Stars und die gab es durchaus zu sehen –  Heinrich George, Vater von Götz George, war einer von ihnen. Zweitens muss ein Feindbild aufgebaut werden, also wurde schamlos gegen „die Juden“ gehetzt. Und schließlich kann ein Propagandafilm nur dann funktionieren, wenn abgestritten wird, dass es ein Propagandafilm ist und so ließ man die Uraufführung ganz unverdächtig auf den Filmfestspielen in Venedig stattfinden.

Zum 70. Jahrestag der Premiere lässt Oskar Roehler „Jud Süß“ wieder auferstehen und befolgt beflissentlich die goldenen Regeln für Propagandafilme: So lässt er mit Tobias Moretti (der einst an der Seite von „Komissar Rex“ spielte), Moritz Bleibtreu (eben noch Andreas Baader im „Baader Meinhof Komplex) und weiteren Gesichtern die Riege deutscher und österreichischer Filmschauspieler auftreten. Roehlers Film ist nämlich – Ironie der Geschichte – eine deutsch-österreichische Co-Produktion.

Und auch „Jud Süß 2010“ hat seinen Feind gefunden: „Jud Süß 1940“. Von Beginn an lauert der Film als dunkle Bedrohung, um in der heilen Welt des sauberen Schauspielers Ferdinand Marian zuzuschlagen. Die Katastrophe für den Künstler besteht darin, dass er schließlich nur noch mit der Titelrolle identifiziert wird, die er spielen musste und das treibt ihn schließlich in den Tod. Daneben fungierte „Jud Süß“ für antisemitische Mobilmachungen, aber das wird in „Jud Süß 2010“ nur soweit gestreift, wie es für die moralische Verzweiflung der Hauptfigur wichtig ist.

Schließlich kommt „Jud Süß“ als Remake nie in den Verdacht ein Propagandafilm zu sein. Da können noch so viele Zitate aus der Vorlage gebracht werden: Als Rezitationen, beim Besuch auf dem Set, bei nachgedrehten Szenen und schließlich bei Originalszenen, bei denen die Köpfe der Schauspieler des aktuellen Films einkopiert wurden. Oskar Roehler bedient sich derart schamlos beim Bild- und Textfundus des Originals, dass Veit Harlan gerechterweise als Co-Regisseur genannt werden müsste. Aber was bedeutet schon Gerechtigkeit in einem Film, der Witze von Nazis, Poesie von Nazis und Sex von Nazis aneinanderreiht, jüdische Menschen aber in drittklassige Statistenrollen zwängt? Wie wichtig ist das überhaupt in einem Film, der wie sein Vorläufer historische Wahrheit beansprucht, sie aber genauso wenig einlöst? Was ist überhaupt von einem Film zu halten, der sämtliche antisemitischen Stereotype aufgreift, die sein Vorbild 1940 entworfen hat und dabei die Verantwortung von den Beteiligten auf Joseph Goebbels verschiebt? Die aktuelle Produktion nennt die Version von 1940 einen „Film ohne Gewissen“. Dieser Film ist aber nicht besser, denn er weiß, was er tut.

Joseph Goebbels wäre stolz auf Sie, Oskar Roehler.

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