Perfektion

Irgendwie ist irgendetwas schief gelaufen mit dieser Gesellschaft. Wann wäre eine bessere Gelegenheit das anzusprechen als zu Beginn des neuen Jahres?

Perfektion

Es ist uns wichtig, uns durch unsere Arbeit, unseren Besitz, unsere Karriere, unsere saubere Wohnung zu definieren. Über all das, woran wir ständig schrauben, arbeiten und was wir glauben verbessern zu können. Und wodurch wir immer weniger Zeit für uns selbst haben.

Wir werden gecoacht, wenn wir uns verbessern wollen und therapiert, wenn wir traurig sind. Es gibt überhaupt keinen Zustand mehr, der nicht verändert werden muss.

Wir verbringen viel Zeit damit, uns im Internet so darzustellen, wie wir gerne gesehen werden wollen. Und wenig Zeit verwenden wir darauf herauszufinden, wie andere Menschen uns tatsächlich sehen.

Für uns wird immer wichtiger, was wir tun, um zu werden, wie wir sein wollen, als uns selbst so zu nehmen, wie wir sind.

Dass es uns die Technik ermöglicht, immer erreichbar zu sein, hat nicht dazu geführt, dass wir uns häufiger und spontaner treffen. Viel eher besitzen wir bis zur letzten Minute die Entscheidungsfreiheit, von allen Möglichkeiten, die beste auszuwählen. Immer unter der Gefahr, dass die anderen genauso verfahren und wir von denen, die wir am liebsten sehen würden, lediglich eine Absage von 140 Zeichen zu Gesicht bekommen.

Es ist bezeichnend, dass wir mit sozialen Netzwerken nicht die Menschen bezeichnen, sondern die Computersysteme, mit denen wir uns gegenseitig verwalten. Mit denen wir uns filtern, von denen wir zur Kommunikation animiert werden und die auf uns zugeschnittene Werbung anzeigen.

Wenn wir uns verlieben wollen, vertrauen wir unser Persönlichkeitsprofil Computern an, die Gefühle in Zahlen und Rankings umwandeln. Wir sind Teil eines Spiels geworden, in dem der Highscore klar benannt werden kann.

Zu Weihnachten wünschen wir allen gleichzeitig eine schöne neue Welt und freuen uns, wenn ihnen das gefällt. Von immer mehr Menschen wissen wir, was sie letzte Nacht getan haben, wie ihre Haustiere und ihre Eltern heißen und wir kennen nicht einmal ihre Stimme. Wir schreiben jedes Jahr Geburtstagswünsche an Menschen, die wir einmal getroffen haben, weil uns ein Link anbietet, das zu tun. Aus dem gleichen Grund gratulieren wir auch den Menschen, die wir lieben.

Wir verwechseln Interaktion mit Klicken und wir glauben, ein Doppelpunkt und eine Klammer seien ein Lächeln.

Im Beruf wie im Alltag sollen und wollen wir immer flexibel sein. Das haben wir erreicht, wenn wir selbst nicht mehr wissen, wo wir sind und wer wir sind.

Wir fühlen uns meisterlich informiert, weil wir hunderte von Nachrichtenquellen individuell zusammengestellt haben. Dabei legen wir uns Scheuklappen an, damit wir bloß nichts mitbekommen, was uns nicht interessiert: Wir haben keine Ahnung, was in der Welt eigentlich passiert.

Wenn wir aufstehen, brauchen wir einen Kaffee und wenn wir ins Bett gehen, brauchen wir eine App, um bloß nicht im Tiefschlaf geweckt zu werden. Wenn wir Zeit mit jemandem verbringen wollen, gehen wir zu Speed-Datings, um nicht zu viel Zeit mit den falschen Menschen zu verschwenden.

In jeder Lebenslage sollen und möchten wir effizient und flexibel sein. Das haben wir erreicht, wenn wir nicht mehr wissen, wo wir sind und wer wir sind.

Ständig sinnen wir danach, uns zu verbessern oder vielmehr: unser Leben zu optimieren. Wir haben aber jedes Maß verloren, seitdem wir uns an Maschinen und nicht mehr an Menschen orientieren: Nie werden wir so schnell rechnen, so global und allgegenwärtig sein. Wir versuchen es trotzdem und sind unglücklich, bis wir es schaffen.

Weil die Perfektion immer nur ein Ziel sein kann, aber nie ein Zustand, laufen wir gehetzt durch unser Leben, nie zufrieden mit den Menschen um uns herum und uns selbst. Immer unter dem Bewusstsein, immer unter dem Druck, dass es ja besser ginge. Stehen zu bleiben, inne zu halten und den Moment zu genießen – dies gilt heute oft als Luxus, meistens gilt es aber als Schwäche. Und kaum gilt es noch als Inbegriff von Leben. Menschliches Miteinander ist zu einem Wettbewerb geworden.

Dies ist vermutlich das bittere Ergebnis der Suche nach Perfektion.

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