Das Volk der Dichter-und-Denker-Auswendiglerner

Zugegeben: Ich hatte ein wenig Bammel: Hier kritisierte ich nun recht direkt und recht offensichtlich Unterrichts- und Testmethoden und das auch noch von Lehrern, bei denen ich Unterricht hatte. Hätte ja sein können, dass sie eine Diskussion anfangen oder subtil ihre Machtmöglichkeiten spielen lassen.

Aber nichts geschah. Also hat es wahrscheinlich niemand verstanden und deshalb nochmal in aller Deutlichkeit: Es bringt nichts, die Leute alles auswendig lernen zu lassen, und ihr Kurzzeitgedächtnis ständig abzufragen. Sie müssen es vor allem VERSTEHEN!

Und dann wundert man sich, warum ich vor allem leichte Kost schreibe…

Das Volk der Dichter-und-Denker-Auswendiglerner

Vorsicht, Ironie!

Was musste man schließlich aus der PISA-Studie erfahren, obwohl wir es doch eigentlich schon immer wussten und trotzdem immer das Gegenteil behauptet haben – die deutschen Schüler liegen im internationalen Vergleich weit hinten, weit hinter dem Sieger Finnland, wahrscheinlich irgendwo zwischen Kirgisien und Monaco. Mal ganz abgesehen von der Objektivität der Wettbewerbsbedingungen (In wieweit können Aufgabenstellungen auf finnisch eigentlich das Resultat verfälschen?) setzt dieses Ergebnis zumindest ein Zeichen: Der wahre Sinn von Bildung wird auf der ganzen Welt missverstanden.
Natürlich nicht in Deutschland.

Man sollte es den Finnen nicht ständig vorhalten, dass ihr Land eine wirklich langweilige Geschichte hat, aber das erklärt zumindest ihr Bestreben nach mehr Bildung für ihre Einwohner. Die ganzen Übersichten mit wichtigen Finnen haben noch viel Platz, da würden sich ein paar schlaue Leute mal anbieten. Wir dagegen können auf eine jahrhundertealte Tradition der Dichter und Denker zurückblicken, jeder weitere wäre einfach überflüssig. Darum sind wir schon in der nächsten Stufe der Intelligenz-Anwendung – dem Auswendiglernen.

Auswendiglernen ist einfach fabelhaft, wie könnte man schließlich besser das Vermächtnis der gepriesenen Dichter und Denker besser ehren? Hebt es denn nicht den Stolz auf diese famosen Dichter, wenn man ihre seitenlangen Werke genauestens auswendig lernt? Ist denn nicht schon der bloße Gedanke an ein freies Aufsatz-Thema lächerlich und von vornherein zum Scheitern verurteilt? Denn eigene Kreativität lässt doch nur die Ehrfurcht vor den Meistern der deutschen Kultur sinken und kann keinesfalls besser als diese werden. Ganz im Gegensatz zu schön auswendig gelernten Textanalysen und Textinterpretationen, die wunderbar in einem seit Jahrzehnten gefestigten Erörterungsschema aufgezählt werden und fast alle das gleiche aussagen. Das kann nur bedeuten: Wir sind auf dem richtigen Weg.

Und eben dieser richtige Weg des deutschen Erziehungssystems führt durch alle Fachbereiche. In Biologie gibt es beispielsweise ein Thema über die von Mendel entdeckten Regeln bei der Vererbung. Rein theoretisch könnte man diese auf jede erdenkliche Eigenschaft übertragen, doch frage ich: Ist das nötig? Viel logischer wäre es, sämtliche Vererbungsmöglichkeiten jeder Eigenschaft auswendig zu lernen, denn solche „Anwendungen von Wissen“, wie sie faule Nicht-Auswendiglerner gerne praktizieren, bergen immer die Möglichkeit von Fehlern. Dagegen besteht das auswendig Erlernte ausschließlich aus geprüften Fakten, die man halt nur aufschreiben muss. Der sehr schlecht ausgefallene Bio-Test, der als sich schwarzes Schaf von den üblichen Zellteilen-Beschriftungsaufgaben unterschied, da er ausschließlich aus einer „Anwendung“ bestand, wird mir dabei zustimmen.

In Chemie funktioniert das jedenfalls ganz prima, und wer hat da wirklich alle Umformungen und Umwandlungen richtig gut verstanden, sodass er nicht wie der Großteil einfach und zeitsparend Anfangs- und Endprodukte auswendig lernt?

Von essentieller Bedeutung ist das Auswendiglernen natürlich bei den Fremdsprachen, denn wer ist in England noch nicht in die Situation gekommen, dass er mal schnell die Übersetzung einzelner Wörter auf einen Zettel schreiben muss? Überhaupt sitzt man dort sowieso die meiste Zeit vor Computer oder Fernseher, sodass sich das mit dem Unterhalten von selbst erledigt hat. Und wenn doch, gehört es zur guten Sitte, die verwendete Zeitform bei ihrem korrekten Namen zu nennen. In Latein ist man auch schon über das Übersetzen möglichst vieler Texte hinweg, diese sind durchweg im Internet verfügbar, allerdings in unterschiedlicher Qualität, sodass das keine gute Basis zum auswendigen Lernen ist. Dann doch lieber 1. Person Plural Plusquamperfekt Indikativ Passiv von „clamare“ abfragen, zu deutsch: „wir waren gerufen worden“.

Weitere Informationen zum Speichern zwischen den hauseigenen Gehirnlappen gibt es zuhauf: kleine und große Flüsse in Erdkunde, kleine Zahlen und große Buchstaben in Chemie, verschiedene Notensysteme in Musik (unter der Vorgabe, dass jeder mindestens ein Instrument spielt), Lebensdaten und Malstile von Künstlern in Kunst, der interessante Informationsfluss in einem Rechner in Informatik, und und und…

Zugegeben, all das findet sich in dem einen oder anderen Lexikon wieder, aber was geschieht nach dem nächsten großangelegten Büchereien-Brand, nach der Magnetisierung aller Festplatten und Magnetbändern? Dann hat unsere Strategie gefruchtet, denn wir sind die einzigen, die wirklich in die Zukunft investiert haben, ja DANN sind wir überhaupt die einzigen, die überhaupt noch die Aufgaben der PISA-Studie wissen!

Ach ja, vergessen Sie nicht, diesen Text auswendig zu lernen…

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