Das aktuelle 3. Reich

Das erste Halbjahr 2003 hat schwere Schäden bei mir hinterlassen: Abgesehen von den läppischen Abiprüfungen waren vor allem die Nazis schuld, denn die waren überall: Das 3. Reich war das Thema im Leistungskurs Geschichte, mit dem “Siebten Kreuz” behandelten wir im Deutsch-Unterricht einen entsprechenden Roman. Außerdem war ich im Januar in einer Lesung von Serdar Somuncu zur Sportpalast-Rede und zwischendurch las ich auch noch den Alternative-Geschichte-Roman “Vaterland”. Das vermaledeite Reich war tatsächlich überall!

Also schrieb ich dann eine Doppelkritik zu Somuncus und Harris’ Werken, die aber unveröffentlicht blieb, weil mich das Abi-Buch zu sehr in Anspruch nahm, um noch rechtzeitig die Schülerzeitung in diesem Schuljahr fertigzustellen.

Das aktuelle 3. Reich

Wer glaubt, dass Geschichte längst Geschichte ist, wird besonders in Deutschland praktisch täglich eines besseren belehrt: Vergleiche der heutigen Zeit mit der Diktatur Hitlers wurden aus den verschiedensten Gründen getroffen, um kurz darauf mit allen erdenklichen Entschuldigungen zurückgezogen zu werden. Doch nicht nur als Moralkeule dient dieses dunkle Kapitel deutscher Geschichte, sondern inzwischen zu einem bestimmten Grad auch zur Unterhaltung. Zwei solcher Werke seien hier kurz vorgestellt.

Serdar Somuncu liest aus dem Tagebuch eines Massenmörders – Mein Kampf“

Ein Türke liest aus Adolf Hitlers „Mein Kampf“. Er liest, geifert und brüllt nicht nur entsprechend, sondern er kommentiert das Buch auch. Dieses böse verbotene Buch. „Öffentlich daraus vorzutragen ist auch verboten, wenn man – und jetzt kommt wieder die Kurve von hinten – das Ganze an einem Stück vorträgt. […] All das ist natürlich unmöglich und darum ist auch der öffentliche Vortrag erlaubt.“ Somuncu liest aus diesem Buch vor, weil es durch den Verbot seines Erwerbs dämonisiert wurde. Jeder spricht darüber, aber nur etwa 0,002% der Bevölkerung haben das Werk von Anfang bis Ende gelesen. Der türkischstämmige Schauspieler und Regisseur Somuncu möchte dagegen vorgehen und zeigt nicht nur den irrsinnigen Inhalt dieser Schrift, die irrsinnige Grammatik („der einzige Grund, weshalb ich das Buch verbieten würde“) und die irrsinnigen Reaktionen der Gegenwart. Verboten ist der Verkauf von „Mein Kampf“, der Besitz allerdings ist erlaubt, „und zwar strengstens!“

Welche Institution eigentlich den Hitler-Text verbietet und sich somit als Nachlassverwalter des Diktators fühlen kann und welche unsinnigen Tiervergleiche ausgiebig vorgenommen wurden: Dies kann man in „Mein Kampf“ nachlesen (wenn man es denn besitzt, ohne es gekauft zu haben) oder auf dieser eindrucksvollen Vorlesung nachhören.

Robert Harris: „Vaterland“

Der SPIEGEL tobte: „[…]“ Auch die „Zeit“ war nicht gerade erfreut, als 1992 das Erstlingswerk des Journalisten Robert Harris erschien. Was hatte der Engländer in diesem Roman getan?
Er beschreibt ein Deutschland, das es so nie gegeben hat. Es ist 1964 und Hitler hat den Krieg gewonnen. Der 75. Geburtstag des Führers steht bevor und eine Annäherung an die USA zeichnet sich ab. Nicht, dass das Deutsche Reich dies nötig hätte: Es erstreckt sich Frankreich bis zum Ural, die Europäische Union ist ihm hörig. Gerüchte über den Verbleib der Juden im Osten können nie belegt werden und wollen eigentlich auch nicht bewiesen werden. In Berlin befinden sich an der Siegesallee riesenhafte Gebäude, am größten ist die Große Halle, in der der Petersdom 14-mal hinein passen würde.

Markant ist die allgegenwärtige Anwesenheit von Militär, SS und Geheimpolizei. Die Handlung ist eine recht konventionelle Kriminalgeschichte, die aber durch die irreale Realität und die Erkenntnisse des untersuchenden Kriminalpolizisten Xaver März eine ziemlich einmalige Spannung gewinnt. Harris macht schließlich nicht den Fehler, seinen Roman allein am detaillierten und glaubwürdig geschilderten Deutschland hochzuziehen, sondern erwähnt diese Dinge ganz am Rande, so wie sie den Romanfiguren eben alltäglich sind.

Die Kritik von SPIEGEL und Co. indes scheint einen einfachen Grund zu haben: Harris schildert ein Deutschland in den 60ern, in dem die Einwohner ohne Widerstand in einer Diktatur leben, bzw. mithelfen und wegschauen. Die gleichen Menschen, die in unserer Welt nach Kriegsende zu Verfechtern der Demokratie geworden sind. Egal, ob einfacher Bürger, oder hoher Kader, der in seinem Amt übernommen wurde.

Wer das Buch aber liest, wird merken, dass eine solche Version der Geschichte durchaus möglich gewesen wäre.

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