Editorial der PeSt 9 (veröffentlichte Fassung)

Nur der Vollständigkeit halber: Die schließlich gedruckte Fassung, für die Anne meinen Text überarbeitet hatte und fieserweise auch gleich noch Antworten hinein gepackt hatte. Und außerdem trieb sie mich mitten in einer Nacht vor den schriftlichen Abiprüfungen mit einem riesigen Mailanhang in den Wahnsinn…

Editorial der PeSt 9

Ich verstehe nichts von Liebe. Sie hält mich nur am Leben.“

Im Grunde, Lieber Leser, ist es ganz einfach,

Um die Evolution spannender zu gestalten, erfand eine clevere Amöbe vor Urzeiten das Männlein-Weiblein-Prinzip. Und um das ganze als gute Idee zu vermarkten, und die teilnehmenden Einzeller bei Laune zu halten, kam etwas neues ins Spiel. Die Liebe. Eine abstrakte Chemikalie, die sich wie „Hoffnung“, „Gut“ und „schlechtes Gewissen“ nach dem Urknall gebildet hat, und bis heute weder erforscht, noch überhaupt wissenschaftlich belegt worden ist.

Eine ganze Ausgabe diesem umstrittenen, oft zitierten, und kaum verstandenen Thema zu widmen ist ziemlich zeitlos. Es würde mich natürlich wundern, wenn wir alle nach dieser Ausgabe schlauer wären, oder besser erklären könnten, wie es uns möglich ist, diese kalten Tage zu überstehen. Wir kennen ja die unglückliche Liebe, wir zerstören mit schweren Schritten den Neuschnee auf den Gehwegen. Wir kennen die geliebten Menschen, denen wir die Eisblumen von der Jacke pusten wollen. Vielleicht haben wir in diesem Jahr auch schon am Fenster gesessen, die Welt war zu einem Schachbrett ohne schwarze Felder geworden, und uns gewünscht, zu wissen, was Liebe ist.

Man wartet auf die Liebe, man sucht die Liebe,… und wenn sie gefunden hat… ja was dann?

Man sucht, findet, streitet, ist enttäuscht, ist verzweifelt, gibt auf, kriegt nie genug, hat Glück, versteht die ganze Aufregung nicht,… usw.

Geht das „Gefühl“ der „Liebe“ aber auch tatsächlich über bloßen Fortpflanzungstrieb hinaus? Vielleicht lediglich Freundschaft, bei der man mal mehr anfassen darf? So zum gegenseitigen Selbstzweck? Einfach, um nicht ständig allein zu sein und deshalb eine Person an sich binden möchte? Macht man sich also gar etwas vor, um dieses Ziel zu erreichen? Belügt man sich selbst, um nicht die andere Person zu belügen? Welchen Stellenwert hat denn die wahre unbeabsichtigte Liebe, wenn Flirten zum Modesport geworden ist? Hat das Sammeln von Telefonnummern und Zwei-Monats-Beziehungen denn mehr Zweck als Selbstbestätigung? Verliert sich dabei nicht mindestens ein Mensch, eine andere Person, der das vielleicht tatsächlich etwas bedeutet hat?

Es scheint, dass man in einer Konsumgesellschaft auch Liebe konsumieren möchte. Möglichst am Automaten an der Ecke erhältlich und ohne Nebenwirkungen. Und es soll nicht irgendein Mittelchen sein, dass einem Liebe vorgaukelt, nein, es soll bei jeder Einnahme richtige Liebe sein, mit den ganzen chemischen Prozessen, dem ganzen Kitsch und dem ganzen anderen unerklärlichen Zeug.

Im großen und ganzen, Lieber Leser, geht es darum, dass wir nicht alleine einsam sein wollen.

Eine nachdenkliche PeSt läutet das neue Jahr ein, das für einige in der Redaktion wohl das letzte an dieser Schule sein wird. Begleitet uns ein bisschen auf der Sinnsuche, denn wir sitzen ja alle in einem Boot. Und das alles wegen der klugen Marketingstrategie der Evolution…

Ein Gesundes Neues der Lieben Leserschaft!

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